Offene Beziehungen? Sie entsprechen dem Lebensgefühl einer weltstädtischen Jugend. Sie ist unverbindlich; sie nimmt keine Ehe, weder Kinder noch Verantwortung vorweg. Das passt.
Und wenn es man brenzlig wird, in Form einer Misskommunikation, einer Krise, eventuell sind bloss die Gefühle nicht mehr das, was sie mal waren, kann eine offene Beziehung schmerzlos ausgetauscht werden: durch eine neue.
Ich befürworte offene Beziehungen. Sie erinnern mich an eine schöne neue Welt, wo Menschen einander nicht mehr verpflichtet sind. Dadurch sind sie freier, weil nicht mehr greifbarer. Dies betrachte ich als Fortschritt.
Gewiss sind natürlich die Gegenstimmen. Man entdeckt in offenen Beziehungen den Hang zur Dekadenz, zum Überfluss und vor allem zur Verschwendung; Verschleissung von Menschenmaterial.
Ich bin da abgeklärt. Die westliche Zivilisation, allen voran die weltstädtische Jugend, hat keinen Willen, weiterhin die Welt zu beherrschen. Hier muss man pragmatisch sein: in Würde untergehen. Dazu eignen sich offene Beziehungen.
Sie sind nämlich lustvoll, gegenwartsorientiert und ohne Zukunft. Ich habe nichts zu befürchten. Ich habe nichts zu verantworten. Ich kann einfach ausleben, was ich will. Mir nehmen, was mir geboten wird. Konsumieren.
Ferien sind eigentlich nur etwas für Spiesser. Diesmal hat es mich erwischt. Ich habe Urlaub. Drei Woche lang. Eine ziemlich lange Zeit ohne Arbeit. Verreist bin ich bereits, mittlerweile sogar heimgekehrt.
Nachdem die wichtigsten Pendenzen erledigt, welche man unterjährig aufschiebt bis zu den nächsten Ferien (Ferienputz, Umgestaltung Wohnung, Erweiterungen einkaufend), sitzt man plötzlich da und weiss nicht, wohin mit dieser «Freizeit».
Das ist schrecklich, aber exemplarisch, wenn man eingespannt ist im Arbeitsprozess, welcher in der Regel das Leben dominiert. Daneben gereicht die Zeit nicht für ausgiebige Beschäftigungen; einwenig Ausgehen, einwenig Verweilen; Sport täte sicherlich auch das Seine.
Es ist so, als fühle man sich arbeitslos. Ist man auch. Zwangsurlaub quasi; man wird befristet in die Freizeit entlassen. Dort solle man sich erholen. Ich erhole mich zwar gut, fürchte mich aber vor dem Wiedereintritt.
Das Business will Bananen. Meine Aufgabe ist es, zu analysieren, wozu das Business Bananen braucht. Sind grüne, blaue oder braune Bananen? Ist es eine Banane oder sind es tausende? Braucht das Business wiederkehrend Bananen oder einmalig? Das sind Fragen, die ich beantwortet wissen will.
Weiss ich zumindest, wie viele, wie grosse, wie krumme Bananen ich brauche, wozu sie dienen sollen, wo sie zwischengelagert und wie sie angewendet werden sollen, kann ich alle diese Informationen bündeln in einem Papier, das man Grobkonzept heisst. Anschliessend prüfe ich dies Papier, ob es ohne Widersprüche ist: sind die Formulierungen konsistent?.
Ist die Soll-Banane konzipiert, berate ich mich mit dem Business. Ich nötige es, die Anforderung an Bananen einzufrieren. Das heisst: ab einem Stichzeitpunkt darf die Anforderung an Bananen nicht mehr geändert werden. Wie soll man denn auch sonst noch zielen können? Sie signieren. Ich nehme den Auftrag entgegen, Bananen gemäss Anforderung zu beschaffen und auszuliefern.
Das Papier, worin die geforderten Bananen spezifiziert sind, präsentiere ich der IT, dem internen Dienstleister für Bananenfragen. Ich habe mich bestens vorbereitet; hübsche Grafiken gemalt, Schlagworter kreiert. Alle Eventualitäten, mögliche Spitzfindigkeiten derer, welche erfahrungsgemäss bei jeder Gelegenheit nörgeln, abgeklärt und ausformuliert. Ich wähne mich gerüstet. Die IT erzählt mir, dass das Problem der Bananen bereits erkannt wurde. Man habe bereits eine Lösungsvariante spezifiziert.
Ich nicke. Wunderbar, für einmal mit Profis arbeiten. Die IT zeigt mir ihr Konzept der Bananen. Das sind Bananen ohne Schale; einfach Matsch, der mehr schlecht als recht in eine Tüte passt. Super, also doch unbrauchbar. Man hätte sich sonst irren können. Dummerweise ist nun jemand beleidigt: ein IT-Hinterbänkler, der jahrelang und ohne jedweden Auftrag am Konzept dieser matschigen Bananen grübelte.
Es folgt die Eskalation. Die IT will mich zwingen, diesen Matsch anzunehmen. Ich willige nicht ein. Wie könnte ich auch? Ich vertrete das Business. Ich berufe mich auf die IT Strategie: Business drives IT. Also suche ich weiter. Ich werde bei einer abtrünnigen, nicht der Technokratie des IT-Managements befallenen IT-Abteilung fündig. Diese produziert zwar selber keine Bananen, aber sie habe beste Kontakte; einen Profi, welcher dazu fähig sei.
Interessant. Endlich ein Ansatz einer lehrbuchgemässen Evaluation. Ich bitte die abtrünnige IT-Einheit, Offerten bei den unterschiedlichen Lieferanten einzufordern anhand meines Pflichtenhefts. Das sei nicht möglich, verneint die IT, man habe bereits einen fähigen Lieferanten evaluiert; dessen Konditionen seien ohnehin unschlagbar. Ich seufze, aber komme schlussendlich überein. Was bliebe mir denn anderes übrig?
In der Zwischenzeit terrorisiert mich das Business mit hängigen Statusberichts. Ich habe noch nichts rapportiert, kein Zwischenstand kommuniziert, überhaupt sei die Kommunikation mangelhaft. Man wolle wissen, wo die Bananen denn seien. Es sei eine Frechheit, dass das Business derart lange hingehalten werden müsse. Man sucht förmlich die Eskalation.
Ich beschwichtige. Die Bananen seien in Arbeit. Sie wären bald auslieferungsbereit. Es sind lediglich noch kaufmännische Formalitäten zu besprechen. Ich erhalte Aufschub. Der nächste Meilenstein ist um einen Monat verschoben worden. Glück gehabt.
Plötzlich macht sich eine regionale IT bemerkbar. Eigentlich basteln regionale IT-Einheiten ausschliesslich an Insellösungen; Lösungen oder in diesem Fall Bananen, die bloss fürs eigene Land kompatibel sind. Die regionale IT-Einheit bewirbt die Lösung als wegweisend. Endlich eine Chance derer, welchen sonst immer nur die Lösungen der Zentrale aufgedrückt werden, sich durchsetzen zu können. Ich schaue es mir der Höflichkeit halber mal an.
Es sind in der Nacht leuchtende Bananen. Damit sie aber leuchten, musste der Inhalt ausgetauscht werden; sie sind schliesslich ungeniessbar. Die regionale IT beharrt darauf, das seien dennoch echte, durchaus gütliche Bananen, die man nur geringfügig modifizieren müsste, damit sie ins Gesamtsystem passten. Ich bleibe immer locker. Wenigstens hat die regionale IT keine Weisungsbefugnis. Ich ignoriere die in der Nacht leuchtenden Bananen.
Da es sich allmählich herumgesprochen hatte, dass Bananen in Bälde ausgeliefert werden sollten, zitiert mich ein hoher Leiter einer anderen Division in sein Büro. Er schwärmt von seiner Vision. Zwar sind die Begriffe anders, aber er beteuert, er wolle auch Bananen. Im letzten Jahr habe er und seine höchst kompetente Stabstelle ein Konzept erarbeitet, das auf ebendiese Bananen hinziele.
Meinetwegen. Anforderungen konsolidieren. Synergien schaffen. Ich studiere zehn Uhr spät abends das Konzept. Und tatsächlich, beinahe ähnliche Anforderungen. Aber wieso sagte mir das niemand? Ich hätte mir viele Mühen sparen können, hätte ich bloss gewusst, dass anderswo bereits etwas Gleichwertiges warte.
Kein Problem, man ist schliesslich flexibel. Ich harmonisiere die beiden Konzepte. Ich biege die Spezifikation so, dass sie für beide Bananensorten passen.
Endlich hat der Hoflieferant geliefert. Die Bananen sind noch verpackt. Ich solle deren Brauchbarkeit validieren. Gerne. Ein Acid-Test. Die Banane zerfällt mir in der Hand. Was habe ich falsch gemacht? Ich kontaktiere den Hoflieferanten. Er verwies, dies sei kein Fehler. Ich dürfe die Bananen nicht berühren, ansonsten würden sie zerfallen.
Ja super! Der Hoflieferant rechtfertigt sich, ich hätte nirgends spezifiziert, dass man die Bananen auch berühren müsse. Offenkundig mein Fehler; ich hatte die nicht-funktionale Anforderungen nicht genügend bewertet. Die Bananen drohen zu scheitern.
Ich schleiche mich aus dem Büro in die nächstliegende Bar und besaufe mich masslos. Die Nacht will nie enden; ich tanze mit frivolen Mädchen, trinke Long Island Ice Tea und hoffe, dass es nie hellt.
Es hellt. Ich eile nach Hause, dusche, werfe mir einigen Tabletten rein. Und will arbeiten. Ich treffe mich mit dem Auftraggeber. Ich beichte ihm, dass das Projekt gescheitert sei. Der Hoflieferant hat vollends untaugliche Bananen produziert.
Der Auftraggeber darf endlich eskalieren. Der mächtige Leiter interveniert. Ein gescheitertes Projekt in seinem Bereich? Unmöglich. Er engagiert seinen ehemaligen Kommilitone, der mittlerweile ein Managementconsultingbetrieb führt. Dieser zeichnet eine nette Animation, worin man in aller Deutlichkeit erkennen kann, wie Nationalsozialisten mit einem Ufo Bananen per Laserblitz direkt zum Business befördern.
Ich bin machtlos dagegen. Meine Bananen werden höchstens in einem Standardcamion transportiert. Der mächtige Leiter entscheidet, seine Kernkompetenz. Und natürlich zu meinen Ungunsten. Der Managementconsultingbetrieb wird die Lieferung der Bananen per sofort veranlassen und sich nachher auf den Cayman Island absetzen.
Die Bananen werden tatsächlich geliefert. Es fallen Birnen und Äpfel vom Himmel. Ich bin erleichtert.
Anmerkung: Das Business hat die Bananen natürlich nie erhalten und beklagt sich heute noch darüber, dass es endlich Bananen bräuchte. Wozu und wieso, das ist meine abermalige Aufgabe.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal darüber schreiben werde. Nun ist es aber soweit. Während alle anderen in der Firma sich mit HTC Snap und/oder HTC Touch plagen müssen, kann ich ein Motorola Milestone als mein Geschäftsnatel nennen.
Dies, da die oben genannten HTC Modelle ziemlich schlecht bis gar nicht bedienbar sind. Beim HTC Snap ist die Tastatur zu klein, um wild zu tippen. Und auch der Bildschirm zu klein bemessen, um das Blick-Girl während der WC-Pause anzuschauen.
Und der Touchscreen beim HTC Touch reagiert nicht kapazitiv; das mindert die Produktivität. Obendrein werden sie beide mit Windows Mobile betrieben; wahrlich kein Genuss. Abhilfe schafft hier ausschliesslich Android.
Um meine Produktivität auch abseits der Arbeitsplätze gewährleisten zu können, bedarf es eines Werkzeugs, das stabil, praktisch zu bedienen und vor allem uneingeschränkt nutzbar ist: Motorola Milestone.
Ein Traum eines Natels. Und mit Android 2.1 noch um ein Vielfaches besser. Und mit der ausfahrbaren Tastatur kann man so rassig wie noch nie tippen. Es gefällt. Vor allem hat man das Gefühl, ein richtiges Natel zu tragen; keine Muschi-Sache. Perfekt.
Ich weiss nicht, ob oder wer mein Publikum hier noch ist. Es ist ja gleichgültig. Informell ist diese Bühne stillgelegt. Das hat mit den geänderten Lebensumständen zu tun. Man hat andere Prioritäten. Und ausserdem keine Zeit, zu sinnieren.
Ich schreibe gewiss noch, nur für ein anderes Publikum. Ich schreibe Empfehlungen, redigiere, verfeinere Fachkonzepte, und natürlich viele Emails. Gelegentlich dokumentiere ich, oder rege eine Dokumentation an.
Oftmals schreibe ich bloss Prüfungen, Hausarbeiten und so weiter. Neben der Arbeit, die einen bis in den späten Abends beansprucht, studiere ich ein anständiges Fach; nichts Abstraktes, sondern Konkretes, mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft und Projektmanagement.
Vielleicht errät ihr nun, was der meine Beruf ist. Ich bin, um es formell gemäss Firmendoktrin auszudrücken, Business Analyst. Ich analysiere das Business. Mein Ziel ist es, zu rationalisieren, zu vereinfachen; Effizienz und Effektivität zu steigern.
Wunderbar. Meine Büchersammlung wächst; die Interessen haben sich verbreitert. Darin findet man Titel wie «Das Rechnungswesen als Führungsinstrument» oder «Prozesskompetenz in der Projektarbeit». Das ist neu, aber nicht bemerkenswert.
Ja, ich bin es, wieder einmal. Neuerdings verkehre ich anderswo. Und ja, es ist ein weiterer Blog. Dessen Inhalt ist kurz beschrieben: Fashion und Art. Wie viel dort ernstgemeint, wohlwollend oder nur karikierend ist, kann ich selber nicht mehr beurteilen: die Abgrenzung ist mir schwer. Den Link verrate ich leider nicht; ich will ja unerkannt bleiben. Ansonsten müsste ich befürchten, dass meine Blogs einander reflektieren und/oder referenzieren. Es ist und sie sind unabhängig voneinander.
Wenn ich den Begriff «Politik» vernehme, assoziiere ich damit seit geraumer Zeit, eigentlich seit ich mich erinnern kann, denn Erinnerungen sind flüchtig, eine, mit Milde gesprochen, vermeintlich «strategische» Fehde zweier oder mehrerer Funktionseinheiten, entweder verkörpert durch einen ranghöchsten Repräsentanten oder durch eine allgemeine Stimmung, auch benannt als «Kultur». Dies Phänomen nennt man, beiläufig und eigentlich ohne den Wortsinn beispielsweise mutmasslich politisierter Jugend zu berücksichtigen, «Politik», schlicht und einfach «Politik». Ob diese Begriffswahl berechtigt ist, vermag ich, der ich doch ohne Bezug zur tatsächlichen Politik bin, nicht einzuordnen; mit vermittels einer wagen Erinnerung allenfalls.
Eigentlich würde es man nicht merken, denn die bislang bekannte URL wird automatisch weitergeleitet an die neue. Dennoch soll es hier der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Dieser Blog ist neu unter folgender Adresse erreichbar:
http://der-dissident.ch
Das bedeutet aber nicht, dass er wiederbelebt wurde. Bloss ein längst überfälliger Serverwechsel ist vollzogen worden.
NB: Manche Anhänge funktionieren vielleicht nicht mehr ordnungsgemäss.
Besten Dank und Gruss.
Inwiefern mich das Weltgeschehen noch beeinflusst? Ich weiss nicht, wohl kaum. Selten gucke ich Nachrichten, noch seltener lese ich welche fremder Länder. Manchmal ist hier und da eine Notiz über das Scheitern westlicher Macht; doch alles das sind wiederkehrende und somit absehbare wie vernachlässigbare Meldungen. Ich lasse mich lieber berieseln von sogenannter Nachkriegsmusik, eigentlich beschwingt und aufbauend, tatsächlich aber kryptisch melancholisch und verwunderlich. So ignoriert man die Welt.

Eine Erinnerung
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