Aus Nietzsches Jenseits von Gut und Böse (Quelle: Gutenberg) zitiere ich:
«Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst, die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie sich nicht hat einnehmen lassen: – und jede Art Dogmatik steht heute mit betrübter und muthloser Haltung da.»
Hier offenbart mir Nietzsche seine grösstmögliche Hochachtung vor dem Weibe. Rührender, aber auch offensichtlicher hätte er es nicht bewerkstelligen können, als dass er das Weib mit der Wahrheit verglich, die Wahrheit übrigens, nach der wir eigentlich unermüdlich forschen, ungeachtet der historisch begründeten und dauernd belegten Tatsache (ein ebenso schwieriger Begriff), dass die Wahrheit, hierbei sei auch vorausgesetzt, der von Leibniz initiierte und von Nietzsche verfeinerte Perspektivismus erlaube uns im Vorhinein nicht, eine anfällige Wahrheit zu verabsolutieren, samt dem Weibe letztlich wir niemals für uns beanspruchen können, sie mit jedem Versuch der Ergreifung von uns beide sich entfernen. Selbstverständlich pointiert die weibliche Form für die Wahrheit das Dilemma äusserst treffend, ohne aber darüber vorschnell zu werten oder gar zu urteilen, denn über etwas, was wir nicht besitzen können, dürfen wir auch nicht richten.
Mit dieser kleiner Ausführung sind hoffentlich Diejenigen bedient, die mir eine systematische Weiberverachtung zu unterstellen streben, obgleich ich mich zuvor in einem gesonderten Artikel gänzlich dem bewundernswerten Intellekt des Weibes widmete.
Historische Dissidenten der DDR, beispielsweise Siegmar Faust, der mit seinem politischen Roman Der Provokateur (Rezension) auf sich aufmerksam machte, die von der BDR «freigekauft» wurden, erlebten im mutmasslich freien Westen dazumal die grosse Ernüchterung, notierte Siegmar Faust:
«Dass ich in der Mensa auf der Hardenbergstrasse neben Marx-, Engels- und Lenin- auch riesige Stalin-Poster sah und verzweifelt davonlief, interessierte keinen. Der Verleger Axel Springer war der Oberteufel, [...]»
Nebst seiner Konfrontation mit der 1976 in Westdeutschland noch eifrig zelebrierten Sozialismus-Verehrung verärgerte ihn den staatlich auferlegten Mundschutz, der ihm untersagte, öffentlich über seine Erfahrungen in der DDR zu sprechen und zudem noch unliebsam an die DDR erinnerte:
«Leute wie Günter Gaus wollten mir verbieten, öffentlich über meine Erfahrungen im Gefängnis zu reden. Die sagten von oben herab: Selbst wenn das stimmen sollte, würde ich mehr Schaden anrichten, wenn das an die grosse Glocke käme.»
Die jugendliche Geschichte Siegmar Fausts dokumentiert exemplarisch, dass die viel gerühmte Freiheit des Westen lediglich eine Konsumfreiheit darstellt, die zwar unvergleichbar «strahlt», aber mit wahrer Freiheit, wie ich sie interpretiere, nicht viel gemein hat. «Freie Meinungsäusserung» und solche Floskeln sind bei uns seit je her verbraucht, abgenutzt und abgestumpft. Faktisch dürfen wir nicht frei unsere Meinung verbreiten, sondern müssen unterschwellig gehorchen, was die Andren als Freiheit definieren, die sich meistens auf die Definition «freie Konsumwahl» beschränken.
Ich wurde kürzlich aus Blogkritik verbannt. Zeit also, meine Tätigkeit bei Blogkritik zu resümieren, sorgte diese Plattform in den letzten Monaten doch immer wieder für Gesprächsstoff und Zank. Zuerst wollte ich alle Mitarbeiter ein bisschen anschwärzen, sie erheitert in den Dreck ziehen, sie übelst beschimpfen und sie gleichsam enttarnen, was ich nun allerdings unterlasse, denn mein Meister riet mir, ich solle mich nicht mit Minderbegeistigten quälen, plagen und ärgern, weil sie soundso hoffnungslos verblöden und sich in ihrer Verblödung noch bestätigt sehen, raufe ich gegen die Tore.
Blogkritik begann als Blog-Watch-Blog mit dem Programm, das inzestiöse Kuscheln innerhalb der schweizerischen Blogosphäre anzuklagen und zu vereiteln. Leider verkam Blogkritik mittlerweile zu dem Unding, welches Blogkritik in ihrer Frühphase zu kritisieren suchte. Heute überwiegt gegenseitige Lobhudelei, das Bestärken des Anderen und unliebsame Mitarbeiter, die auch aufrufen, wenn ein noch nicht geschlachtetes Frischfleisch sich verläuft, werden konsequent ausgegrenzt.
Blogkritik scheiterte an ihrem eigenen Auftrag. Lange Zeit missbrauchte gar der nun bald sterbende «Doktor», der weder mit einem Doktor für unzeitgemässe Ästhetik noch für sprachliche Kreativität ausgezeichnet wurde, Blogkritik für seine persönliche Seelenschau. Ein Befindlichkeitsbloggen, das der Leser zuweilen auch schätzte, lenkte es von der Kernkompetenz Blogkritiks ab: der Blogkritik. Aus heiterem Anlass wütet nun der Scheibenkleister, auch bekannt als Hafenmeister, der mit seiner aufgeladenen und bilderreichen Hafen-Symbolik den Brechreiz provoziert, aber sichtlich bei seiner Zielgruppe begeisterter Beifall empfängt.
Heute, da der Doktor hoffentlich bald stirbt, erweisen ihm seine Schäfchen die letzte Ehre: die Errichtung eines Altars. Man betet gemeinsam, blickt andächtig zum Doktor hinauf und würdigt dauernd sein Oeuvre, aber mit jeder Darbietung entfremden sie das ursprüngliche Werk des Doktors. Freie Geister und Dergleichen flohen, sie wollen nicht mehr der täglich inszenierten geistigen Masturbation in Verbindung gesetzt werden. Den Jüngern bekümmert es nicht. Sie trollen und suhlen sich wohl, versauen gleichermassen das blogische Lebenswerk des Doktors. Eigentlich eine Schande, die nur beschämend wirkt, wenn man den Scham auch eingesteht, was aber kaum passieren wird.
Die, die noch irritiert die unzähligen Links auf Blogkritik bemerken, denen sei versichert, dass ich die Links bald alle entferne. Für mich ist Blogkritik tot, wie der Doktor übrigens tot ist. – Dass ich hier schreiben, gründet in der Notlage, weil meine Kommentare auf Blogkritik allesamt gelöscht wurden und laut Erklärung weiterhin werden. – Die Revolution frass ihre Kinder!
Ich nehme an, dass der erste Herr, der mich zeitweilen gefördert hatte, ja der einzige war, der mich lautstark unterstützte, nicht mich voreilig musterte, ich schwadroniere doch nur, aus der hiesigen Blogosphäre – Meister Katz, sie, den ich hier nicht berücksichtigen kann, da sie mittlerweile in Verbannung und Abgeschiedenheit fristen – im Sterben liegt, ehe er verstirbt, eine kleine Widmung und Hochachtung übermitteln sollte, so sollte dies von einer Restmoralität des Dissidenten künden.
Zur Moral äussere ich mich selten, beteilige ich mich ansonsten an der Klage im Salon, dass die Moral das Freiheitsstreben einengt, aber auch darauf zurückführt, das etliche Triebe unterdrückt werden, somit in einem Ausbruch sich entladen, den wir entzückt oder ergriffen im täglichen Spektakel der Medienschau wahrnehmen können, insofern wir die nötige bürgerliche Kälte mitbringen, die uns vor Demut und Empathie schützt.
Ich wurde relativ früh mit dem Tod konfrontiert, lungerte der Tod seit je her auf den hohlen Gassen der Stadt herum, dies rührte auch, dass ich eine eigentümliche Kälte entwickelte, ja schroffe Reserviertheit, sofern etwas den Tod betreffe. Im Allgemeinen zeichne ich mich dadurch aus, dass ich je nach Bedarf mich zu einem Maschinenmenschen verwandeln kann, der nur noch funktionieren, dienen und gehorchen muss. Im Gemeinen hingegen willige ich dieses Umschalten selten ein, aber die automatische Selbstkontrolle, die mich vor Suizid und Ähnlichem bewahrt, reagiert selbständig. Bekanntlich wissen meine Leser, dass mein Grossmäuligkeit nur meine Hypersensibelität tarnt, wie dieses Archetyp vielfältig bei Menschen anzutreffen ist.
Nun, der eben von mir geschätzte Herr stirbt langsam, leidvoll und wir können den Tod direkt miterleben. Sonderbar, eigentlich unvorstellbar, ruht im Tod etwas Unsägliches, etwas, was wir zu meiden suchen, die direkte Konfrontation eigentlich fürchten – doch so stellt er sich, und vor allem, wir müssen uns ihm stellen. – Das unbeschwerte Dichten dazu, immerhin die Sprache der Gefühlen, dichterisch, anmutig und dem Haupt abhold, den Sinnen nah, aber dem Verstand misstrauend, erleichtert den Umgang und den folgerichtigen Ausdruck einer Befindlichkeit, schliesslich muss Befinden ausgedrückt werden, ansonsten sammelt es sich an und drängt suchend aber wütend zum Ausdruck; impulsiv und unkontrolliert!
Ich möchte letztendlich einfach nur danken, dass sie mir eine Plattform erduldeten, in der ich mich für den ersten Schritt profilieren konnte, erst dann aber mich zu weiteren Schritten wagte, die mich heute bekannt, verhasst oder beliebt machen. Soundso überdauert auch ihre Existenz in meiner Erinnerung, auch wenn sie nun frühzeitig dahin dämmern, erhoffe ich, dass es dabei um kein Dahinsiechen handelt, ansonsten empfehle ich immer wieder: den Freitod. Sie wussten sich im übrigen schon rechtzeitig ein Denkmal zu schaffen, welches die Vergänglichkeit aller Seins überbrückt, aber niemals gänzlich aufhebt. Dieses Gesetz, zumal ich mich selbst damit befasse, lässt sich nicht umgehen. Dem Diktat des ewigen Lebens – damit deute ich keine ewige Wiederkehr an – muss man sich beugen, hinnehmen, als eine Fügung tolerieren (tolerieren im buchstäblichen Sinne), denn die Alternative Medizin kuriert nicht das Leben, sondern sucht lediglich künstlich die Gesetze des Lebens aufzuschieben.
Auf eine Genesung!,
der Dissident, auch liebevoll als David ansprechbar.
Ja, gar entzückt vernehme ich deine seelenschaurige Unschuld, mit der du eiferst, den Denunzianten zu denunzieren (beschimpfen), wohl aber, auch um ihn insgeheim zu profanieren (entwürdigen).
Leider konnte ich bis jetzt noch kein Weib (eine zeitgemässe Dame) schwängern, welches gewillt ist, ohne Entgelt einen Spross grosszuziehen, ehe ich für eine Vaterrolle tauge (also nie). Alleine das Denunzieren beschleunigt meine Fortpflanzung nicht, dessen war ich mir schon immer bewusst, die verrufene Tätigkeit mindert lediglich meine Reputation (Ansehen, im weitesten Sinn auch Image). Könnte ich mit dieser Masche Weiber begatten (koitieren, umgangssprachlich ficken), wäre ich doch sichtlich erleichtert, sähe sich glatt meine Ambition (Streben, Ehrgeiz, Motivation) darin bestätigt.
Übermässige Selbstironie (die distanzierte Belustigung seiner Selbst zulasten der Glaubwürdigkeit) gefällt sichtlich nur den jüngeren, mutmasslich gleichaltrigen Damen, aber diese Mode muss ich ausnahmsweise akzeptieren (annehmen, tolerieren (etwasem mit Unbehagen zustimmen)), weil ich sonst in dem harten, zuweilen auch dramatisch inszenierten Geschlechterkampf an Bedeutlosigkeit erkranke.
Wir als Denunzianten wollen die Blogosphäre korrumpieren (sittlich verderben), sie radikalisieren (extremisieren, polarisieren) und sie verschmutzen (in den Dreck ziehen). Gewissenhaft stellen wir unsere Abneigung (Verachtung) für die Blogosphäre dar, dass sie endlich wieder über ihre schreibliche Betätigung sinniert (reflektieren (über seine Handlungen und Gedanken nachdenken)) und nicht mehr krause Phrasen (abgedroschener Spruch, sinnentleerter Satz) palavert (ausgiebig und ergebnislos reden).
Ich wünsche zukünftig, dass du, hiesig noch jungfräuliche Sophia, zwischen den unterschiedlichen Pseudonyme differenzierst (unterscheiden, auseinanderhalten), denn Frank Schrillmacher, DER DISSIDENT und bd grenzen sich bewusst im Stil und in ihrer inszenierten (aufgesetzten, dargebotenen) Persönlichkeit ab. Vor allem DER DISSIDENT und Frank Schrillmacher sind zwei erfundene Persönlichkeiten, die real (welch schreckliches Wort übrigens) nicht existieren (leben, atmen, gedeihen, spriessen, reifen, werden).
Übrigens: um die Korrekturlese widme ich mich nicht. Wer sich profilieren (behaupten, bestätigen) will, darf mich gerne auf kleinliche Unachtsamkeiten hinweisen.
PS: http://www.langenscheidt.de/fremdwb/fremdwb.html
Nachtrag
Aja, liebe Sophia, falls du es positivistischer wünscht, siedle doch zu den Positivisten über!
Hallo! Mehrfach wurde mir von Seiten Bekannten erwidert, das von mir eingesetzte “Design”, sofern man es überhaupt so nennen dürfte, wirke sehr veraltet. 1996 galt es vielleicht noch als modern, doch in Zeiten von Web 2.0 und Dergleichem wird es von abgerundeten Rahmen und fröhlichen Farben rechts überholt.
Nun, wie auch immer, manche entgegneten mir, ich solle nicht jeder Mode teilnehmen und selbstbewusst gegen den Zeitgeist paddeln. Ich persönlich sympathisiere allerdings mit dem Design Blogwerks, also sprich etwas Moderneres und Zeitgemässeres.
Weil ich nun absolut ahnungslos bin, frage ich euch, geliebtes Publikum, was ihr bevorzugt:
- So wie jetzt? Antiquiert? Aufdringlich? Veraltet?
- Oder modern, zeitgemäss? Web 2.0 konform?
In China sträuben sich die Künstler dagegen, dass die Kunst von der Politik einvernahmt wird. Hier im Westen wünschen sich die Künstler herbei, dass die Politik die Kunst einverleibt (oder zumindest subventioniert). Und ganz Tollen sehnen sich danach, dass die Kunst die Ideen der Politik, der Wissenschaft und der intellektuellen Elite dem vermeintlich ungebildeten Volk vermittelt.
Immer wieder rauscht die Kunst durch den Blätterwald. Immer wieder, auch bei mir, identifiziere ich mich nebst als angehender Berufsphilosoph noch als Künstler, vorgelebte Philosophie, gelebte Kunst, wobei in meinem aktuellen Prozess der Bildungsaneignung noch nicht viel Vorbildliches schlummert.
Ich komme einfach nicht zur Ruhe: eigentlich möchte ich mich entspannen, mich ein bisschen von der Welt ablenken, vieles vergessen und nur seichte Unterhaltung lesen, beispielsweise der Zauberberg, was ich mir ausnahmsweise erlaube, immerhin vergreist die verstaubte Fachliteratur der letzten Jahrhunderten meinen erwartungsgemäss fröhlichen, unbeschwerten und jugendlichen Geist, – gleichwohl ich sowieso nichts mehr Jugendliches in mir trage, ausgenommen sei hier explizit der Spiel- und Sexualtrieb, wobei ich letzterer nach meiner Fortpflanzung, – ja, ich suche weiterhin eine solvente Wirtin, die meinen Samen neun Monate aufbewahrt und so etwas wie ein Nachkomme in der Welt setzt, dazu aber den Spross noch grosszieht, währenddessen ich mich der Welt zuwende -, endgültig abtöten möchte.
Was mich im Augenblick sonderlich beunruhigt, vielleicht begründet dies die aufbauschende Berichterstattung, gewissermassen das Provozieren einer Kriegsneurose, an der irgendwer, mir vorläufig gleichgültig wer, profitiert, ist die gegenwärtige, zutiefst desolate Situation in Afghanistan! Wir als Westen, verbündet in der NATO, eiferten, Afghanistan nach unsrem Willen zu befrieden, zumal dies die logische Schlussfolgerung des 11. Septembers versinnbildlicht, indem der Westen geeint, übrigens nicht wie im Irakkrieg, der auch keinen direkten Bezug zum 11. September aufbaut – (zumindest hier nicht) -, in Afghanistan einmarschierte sowie moralisch motiviert die Talibans verjagte. Aber im Moment – wir wären nicht die Ersten – läuft das Abenteuer in Afghanistan darauf hinaus, dass es kläglich scheitern wird. Nicht dass ich den Talibans den Triumph nicht gönnen würde, nein, mich besorgt einfach, dass die NATO als weltweit potenteste Militärorganisation unter Zuhilfenahme einer technischen, logistischen, ökonomischen und viel wichtiger: einer moralischen Überlegenheit nicht in der Lage ist, Afghanistan zu erobern!
Der Vertrauensschwund, der die NATO so bei einem Scheitern riskiert, zudem die Wirtschaft verunsichert, die schon zittert, wenn die Nachrichtenwolke sich verdüstert, aber immer wieder predigt: sie könne auch einen Anschlag in der Grössenordnung des 11. Septembers überstehen, würde sich verheerend auf die Labilität der Welt auswirken, die dauernd droht, sie könne einen weltweiten Feuersturm entfachen.
Ich habe Angst, nicht dass Bomben vom Himmel fallen, sondern dass die NATO ihre weltliche Hegemonie einbüsst und dass die NATO sich selbst in Frage stellt, berechtigterweise, wie ich erachte, denn ich fordere seit längerem einen Vereinigten Freien Westen. Die NATO als lebendiges Überbleibsel des kalten Kriegs muss sich neu strukturieren. Und hier könnte eine scheiternde Afghanistanmission, der erste Bündnisfall übrigens, eine konstruktive Reform vereiteln.
Woher rührt eigentlich meine Abneigung gegenüber den Systemen? Nun, da ich mich dauernd mit Luhmann beschäftigen muss, ja gar studienbedingt damit konfrontiert werde, zeichne ich mich doch als Schüler der Soziologie aus, muss ich mich zwangsläufig einlesen. Die wichtigsten Begriffe waren mir zwar schon länger bekannt, aber desto tiefer ich mich einlese, desto mehr entfalte ich diese allerweltliche Abneigung gegenüber Systemen.
Ich als volksnaher und werdender Berufsphilosoph, der nicht danach strebt, sich hinter Theorien zu zumauern, die das Volk nicht versteht, geschweige davon auch nur stückweise nachvollziehen kann, intendiere (verzeiht, ich wollte dies einfach ausprobieren, intendieren bedeutet übersetzt “auf etwas hinarbeiten, anstreben”), gleichwohl es meinen innigsten Wunsch beherbergt, nicht darauf, eine einsturzsichere und konsistente Theorie zu bilden, sondern möchte lediglich lose die Welt zusammenfassen, aber ein Determinieren (die Welt auf bestimmte Gesetze und Ursachen “vereinfachen”, reduzieren) unterlasse ich streng entschieden.
In diesem Sinne werde ich nie beanspruchen, ein System zu konstruieren, welches gar mit dem luhmannischen konkurrieren kann oder es in seinen Begriffen bestätigt. Jedoch muss ich mich mit anderen Systemen auseinandersetzen, denn so Abwegiges lehren sie nicht einmal, liegt es schliesslich an, vom Bestehenden zu profitieren und all das bisher Gesicherte zu etwas Neuem, Losem und Unsäglichem zu kombinieren.
Eigentlich fordert man von Schüler ein, dass sie schnellst möglich ein System, also eine Theorie samt ihren Begriffen sich aneignen, auf dass sie im täglichen Disput nicht untergehen, sondern sich behaupten können, so die übliche Vorschrift. Ich verweigerte lange Zeit, mich völlig in eine Systemtheorie einzugliedern, obzwar ich zeitlebens mit derjenigen der Frankfurter Schule sympathisierte. Die Strafe dafür ist, dass ich in Diskursen nicht auf ein System oder eine handliche Theorie zurückgreifen kann, während sie sich die andren als Konstruktivisten, Systemtheoretiker, Dekonstruktivisten, Positivisten, Adepten der Kritischen Theorie und so weiter beweisen. Dies bleibt mir verwehrt, doch so negativ erachte ich dies nicht einmal, nähere ich mich in dieser Selbstwahrnehmung meinem beschwingten Ideal des Unabhängigen und Systemlosen.
Diverse, klammheimlich radikalisierte Internetmedien, pochen darauf, eine Alternative zum Mainstream zu etablieren. Auch die Weltwoche nimmt sich als Gegenbewegung wahr. Sogar indymedia.org beruft sich darauf, dass sie Informationen veröffentliche, die der Mainstream bewusst dem Volk vorenthält. Ich weiss auch übrigens wieso: einseitig beeinflusste Weltsbetrachtung, nicht die Vielfältigkeit, wie ich sie immer anpreise, dominiert, sondern, sagen wir mal so, ein Grunddogma.
So wurstelt auch politicallyincorrect.de, natürlich mit dem Anspruch einer Gegenbewegung beistehend, um die Aufmerksamkeit eines ideologisch noch unschuldigen Volkes, das man jederzeit mit neuen Ideen vollmüllen kann. Aber auch Telepolis.de, mein Lieblingsmagazin übrigens, identifiziert sich als Alternative zum Mainstream.
Nun aber, da Linke und Rechte, Gemässigte und Extremistische, den Medien vorwerfen, sie wären gleichgeschaltet, sickert hier nicht ein Widerspruch durch? Würden beispielsweise nur die Linken behaupten, die Medien seien gleichgeschaltet und die Rechten bestätigten dies, dann wäre meines Erachtens alles normal und geregelt. Aber da jede Seite vorwirft, die Medien seien gleichgeschaltet, vermute ich nur einen einfältigen und verbrauchten PR-Gag in dieser Klage. Scheusslich!
Aja. Zum Schluss: Ich bin auch eine Gegenbewegung zu “Ich war eine Gegenbewegung“!
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