Das Steigerungsspiel

Im vorletzten Artikel «Arbeitsethik» deutete ich darauf hin, der Mensch neige zum Unendlichen, strebe unermüdlich ins Ungewisse und verharre nicht im bisherig Erreichtem, sondern trachte danach all das bisherig Bekannte rechts zu überholen. Das berühmte Steigerungsspiel der Moderne behandelt diese Sehnsucht des Menschen, der immer höher baut, immer weiter drängt, immer schneller sich fortbewegt und immer besser sich fühlt.

Nun aber charakterisiert das berühmte Steigerungsspiel die Moderne und infolgedessen wir ja zuweilen schreien, die Moderne hätten wir mehr oder weniger ruhmreich in der Dunkelkammer der Geschichte schubladisiert, frage ich mich verunsichert, ob die Postmoderne überhaupt noch faustkämpferisch stürmt und drängt?

Als ich von einer postmodernen Kunst sprach, die lediglich das bisherig Angehäufte restverwertet, triefte meine Resignation zwischen den Zeilen heraus. Ich schlussfolgerte danach ohnmächtig, dass die Postmoderne ausser Stande sei, weil sie sowieso nur um sich selbst kreisle, wahrhaft Neues und Revolutionäres zu erschaffen.

Indem ich nun durch die Strassen spaziere und unsere Errungenschaften bestaune, zweifle ich an der Fortschrittlichkeit unsrer Zivilisation. Ich meine damit nicht, dass wir nicht fortgeschritten seien, nein, keinesfalls, wir sind eine zivilisierte und über all dem Barbarischem erhabene Kultur, sondern eher bedrückt mich, dass im Augenblick die Geschichte scheinbar stockt; also dass kein eigentlicher Fortschritt uns mehr fesselt.

Zwar wenn auch die Wissenschaften an und für sich forschen und uns dauernd neue Technologien beschweren, glaube ich, dass abgesehen von den äusserlichen Gegebenheiten sich innerlich – wie verbraucht und abgenutzt dies auch wirken mag – nicht viel änderte und ändern wird. Mit der Innerlichkeit verbinde ich zudem noch die Kunst der Kultur, die ebenso wie unser Geschichtsbewusstsein verharrt.

Ich bin kein Freund des ewigen Wachstums. Auch ich erkannte in Anlehne des Römer Clubs die Grenzen des (organischen) Wachstums. Was wir heute erleben, ist ein künstliches, wirtschaftliches Wachstum, das hauptsächlich auf der Inflation und einer ausgleichenden Staatsquote beruht. Nur bedingt unterschreibe ich eine Proklamation, die Wachstum und das Steigerungsspiel fordert. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass der einfache Mensch, der in seiner Arbeit gefangen sich ablenkt, noch mehr Wissen und noch mehr Geist erträgt.

So lässt sich auch erklären, wieso reduzierende Theorien – ich vermeide nun ausdrücklich Fachbegriffe, weil die mich ekeln – allerorts ausgebrütet werden, die die Welt kurz und prägnant vereinfachen sollen. Denn das Bedürfnis nach Überschaubarkeit in einer Welt des ewigen Wachstums lauert unbefriedigt im Hinterzimmer.

Gnade Gottes

Im Gegensatz zu anderen Religionen begnadigt mich Gott im diesseitigen Leben nicht für meine Sünden. Auch wacht kein Himmelstor und richtet über mein Leben, ehe es mir den Einlass in die geweihten Höhen des Allmächtigen erlaubt. Ich habe mein Dasein lediglich dem Kapitalismus verschuldet, dem neuen Gott mit ebenso ausgeklügelten Ritualen und zeremoniellen Selbstbeweihräucherungen opfernd.

Was ich hiermit kurz andeutete, ist eine beispiellose und bisweilen auch historische Gegenüberstellung von Religion und Kapitalismus, die man zu vereinen suchte. Versteht man Kapitalismus als Religion, begreift man auch das festliche Spektakel der Gesellschaft. Gleichermassen beseelt ein mystifizierter und religiöser Kapitalismus den ansonsten so entseelten, leeren und kalten Kapitalismus. Und vergleicht man Einkaufszentren mit Tempeln, darf man auch nicht mit der Parallele zögern, die Offenbarung und das Glücksversprechen des Kapitalismus als sinnstiftendes Evangelium samt den zugehörenden und wegbereitenden Apologeten zu interpretieren.

Die Vorstellung, der Kapitalismus ist eine Religion, reizt mich. Ich beneide den Schöpfer dieser Vorstellung (darum schreibe ich seinen Namen nicht aus), schliesslich hätte ich sie gerne selber entdeckt.

Arbeitsethik

Mannigfach wurde darüber bereits gesprochen und sinniert, wie es denn mit einer Arbeitsethik stünde, die Menschen bewusst einigend fordern. Ich selbst beziehe mich nun nicht auf eine berühmte protestantische Ethik Max Webers, aber erkläre durchaus Ähnliches.

In meinem Ermessen muss und will der Mensch sich sinnvoll und produktiv betätigen, sei es nur um sich selbst zu bestätigen oder die traumatische Kränkung zu heilen, dass wir allesamt im kosmischen und ja gar im irdischen Vergleich unbedeutende Einzelschicksale repräsentieren, die nur minimal die Welt oder einen Weltgeist beeinflussen können.

So könnte ich mir einen Menschen niemals vorstellen, der einfach nichts tut; vergammelt und dahinsiecht. In einem Gedankenexperiment, das Arbeit nicht als Zwang sondern als persönliche Freiheit kommuniziert, glaube ich, dass die meisten Menschen ungeachtet der Freiheit, nicht arbeiten zu müssen, trotzdem weiter arbeiten, weil die Leere, mit der sich ein Nichtarbeitender gegenübergestellt fühlt, – schliesslich hat er endlich die nötige Zeit, über das Leben und die Existenz an und für sich zu sinnieren -, spornt ihn zur freiwilligen Arbeit an.

Auch der Mensch muss werken, denn ein nichtwerkender Mensch passt schlichtweg nicht in unsere idealisierte Vorstellung eines Menschen, welcher nach dem Unendlichen greift, dynamisch strebt und nicht verharrt. Dies alles vereinbart der Mensch auch mit der Evolution, denn er erkannte, stoppe er die eigene Entwicklung, verende er und seine Artgenossen. — Der Mensch muss also arbeiten, weil er ansonsten grübelt und grübelt, so Lebensfreude und Glück verübelt.

Experiment: «Leben» ohne Geld

«Das Subjekt bin nicht ich selbst, sondern ich bin, was ich habe. Mein Eigentum begründet mich und meine Identität.»

(Quelle: Erich Fromm, Haben oder Sein)

Als ich aus dem verplanten Leben ab der Stange unsrer Finanzindustrie floh, testete ich, wie lange ein Mensch ohne Geld in der heutigen Gesellschaft überleben könnte. Weil in Zürich mein Vorhaben sicherlich jäh scheiterte, wählte ich Deutschland für die persönliche Studie aus. So unternahm ich, nebenbei meine erste und bisher auch letzte Auslandsreise, das selbstzerstörerische Experiment, für einige Monate ohne Geld in Deutschland auszuharren. Lediglich die symbolische und beruhigende Wirkung des Rückfahrttickets inklusive der damit verbundenen Option, das Wagnis jederzeit abbrechen zu können, bewahrte mich vor dem totalen Untergang.

Das Experiment bestätigte alle meinen Annahmen, dass geldlose Menschen weder geachtet noch geschätzt, sondern systematisch ausgegrenzt wie gepeinigt werden. Wenn man nichts «hat», «ist» man nichts. Denn «Haben» ist wichtiger als «Sein». Diese Erkenntnis aber gewinnt erst an Bedeutung, wenn man sie selbst erlebt. Man kann schliesslich äusserst entspannt den Kapitalismus kritisieren, wenn man erhaben über dem Verderben residiert. Wenn man hingegen aber im Verderben tummelt, offenbart sich erst das unverblümte Ausmass des minimalen, aber existenziellen Unterschieds zwischen «Haben» und «Sein».

Nachträglich wollte ich meine Erlebnisse verkaufen, jedoch kam mir RTL zuvor, als sie ihre Dokumentation «30 Tage als Obdachloser» kurz nach meiner Rückkehr sendete. Auch NZZ Folio kommandierte eine Redaktorin für drei Tage ohne Geld nach Basel ab. Tja.

Vom Aussterben bedroht: Autarkie

Aut·ar’kie, die; -,-n wirtschaftliche Unabhängigkeit

Kenne ich nicht! Die Weltwirtschaft verflechtet sich zu einem Gestrüpp, das zwar unübersichtlich wirkt, aber zusammenhängend funktioniert und nur konsequent gewebt überhaupt funktionieren kann.

Die Schweiz stellt sich auf ihrer Musterschau als autarke Nation dar. Leider zu Unrecht, während Brüssel entscheidet, müssen wir gehorchen, denn unsere Wirtschaft hängt von den benachbarten Volkswirtschaften ab. Seit je her exportieren wir, weil der schweizerische Binnenmarkt schlichtweg für eine Autarkie zu klein ermessen wäre.

Ich schlage also vor, den ehemals kämpferischen Begriff «Autarkie» restlos auszurotten. Und das ansonsten so (von potenziellen Ausgestiegenen) erwünschte Ideal einer autarken Gesellschaft strebe ich nicht an. Es scheitern sogar in Hollywood (siehe the Beach).

Ferienöde

Der Einte oder Andere kennt die Einöde der Ferien, die viel zitierte lange Weile; nichts zu tun haben und ziellos zuhause zu vergammeln, noch aus seiner Kindheit. Arbeitswütigen, die sich lediglich über ihre Arbeit definieren und identifizieren, dürften diese innere Leere und Unerfülltheit ebenso vertraut vorkommen.

Auch ich musste feststellen, dass Ferien, die zuhause überdauert werden müssen, keine Ferien, sondern Qualen sind, die mir sogar den Schlaf und den Tagesrhythmus stören. Ohne Tagestruktur versumpfe ich. Im Sumpf versunken aber kann ich mich selten befreien, nein, er zieht mich immer weiter herab, bis schrille Glocken schellen: Arbeit! — Leider erst im nächsten Jahr.

Übersättigt

Mein Gott, ich futterte wie ein ausgehungerter Äthiopier. Ich musste am 25. Dezember beinahe mich übergeben, erlag ich dermassen der Übersättigung, die ich anhin nur aus dem Fernsehen und aus soziologischen Untersuchungen her kannte. Ein befriedigendes Gefühl wahrhaft, so viel zu fressen, wie es nur möglich sei.

Zuhause heimgekehrt wurde ich natürlich mit der nüchternen Realität einer finanziell prekären Wohngemeinschaft konfrontiert: zehn Minuten täglich warmes Wasser, Reis mit Ketchup und zum Frühstück Kaffee und Zigaretten. Ich bin erleichtert, dass ich mich nicht an den Überfluss gewöhnte. Einmal im Jahr ertrage ich ihn nämlich noch.

Denn bereits mehrmals verkündete ich stolz und selbstbewusst, dass ich lebenslänglich in der Unterschicht leben möchte. Auch wenn ich eines Tages mehr verdiente, so will ich das überschüssige Geld vorsorglich verschenken, weil Geld mich korrumpiert (siehe persönliche Erfahrung als reicher und dementsprechend beliebter Jüngling).

Googles Evangelium

Irgendwann, irgendwann während den Urzeiten des Internets, als alle noch dem Portalgedanke nacheilten, mauserte sich altavista.com zur Alternative von Yahoo, der damals unumstrittene Platzhirsch. Doch Traffic korrumpierte auch altavista.com, sodass auch sie den Portalgedanken verwerteten.

Plötzlich «erschien» buchstäblich Google. Der Geheimtipp wurde mittels Mund-zu-Mund-Propaganda – heute nennt man dies wohl «virales Marketing» – rasant populär und bekannt. Die Erleuchtung und Offenbarung Googles besagte; kurz, bündig und schnell soll der User finden, was er sucht.

Von nun an galt es als chic, Google zu bewundern. Die klassischen Medien probten im Chor den Lobgesang, die Bevölkerung trällerte begeistert mit, Datenschutzbeauftragte säuselten irgendwas Unverständliches, aber verstummten und alle waren heilfroh. — Mittlerweile, da Google zu einem Monopolyiator wuchs, der an der Börse höher gewertet wird als traditionsreiche Unternehmen wie beispielsweise General Motors, nimmt auch der Unmut gegenüber dem Monopolisten zu.

Google verhält sich allmählich wie die in der Internetwelt so verhasste Microsoft Corporation: Arroganz, Dünkel, selbstherrliche Unreflektiertheit überwiegen, und Google verschwört sich sogar mit dem roten Teufel (China). Der einfache Bürger ist machtlos. Er kann sich nicht aufbäumen, denn jeder braucht Google. Was bleibt, ist Ohnmacht und Resignation.

Feier der Arbeitslosigkeit

Und zur Feier; gewöhnlich, sittlich, gemütlich, nichts überwältigte uns, lediglich einige gefunkte Neuigkeiten über das Sexualleben unsrer Mitmenschen und dem kürzlich vernommenen Horror-Trip einer Bekannten in Indien, die eigentlich hier bei mir wohnen würde, entwichen unsrer harmonischen, doch zufriedenen Verschwiegenheit, umso mehr wir uns dem Alkohol und der Vergnügungssucht widmeten.

Ich mag unkrampft und belanglos zu gestikulieren, artikulieren und zu figurieren. Natürlich stimmte ich die Dosis den homöopathischen Idealen der Menschwerdung ab, so dass die Belanglosigkeit nicht triumphal sich über meinen ansonsten so berechneten und kontrollierten Willen hinwegsetze. «Trainierte Auszeit», nenne ich dies. «Geübtes Abschalten», «bewusstes Schlafen» oder «vernünftiges Entsenden» könnte ich es ebenso deuten.

Gefeiert wurde selbstredend den Beginn der Arbeitslosigkeit eines Mitbewohners. Eigentlich ungewohnt, dass man die Arbeitslosigkeit festlich weiht, fürchten sich alle Menschen in der Schweiz vor diesem gesellschaftlich stigmatisierten Handicap. Vermutlich eben deswegen darf man befristete Arbeitslosigkeit als eine Art Befreiung und Mündigkeit in der Lebensgestaltung, die nicht dem Geld abhängt, betrachten, natürlich auch um ein bisschen zu provozieren.

Wieso höre ich DRS2?

Viele Menschen erkundigten sich bereits, wieso ich, der abtrünnige Dissident, ausgerechnet die letzte einbruchsichere Festung des Bildungsbürgers täglich höre, schliesslich gibt es nichts Kurioseres als einen Dissidenten, der dauernd schreit, er gehöre nicht dazu, aber jeden Tag das Etablissement lauscht. — Klare Fragen fordern einfache Antworten:

Mithilfe DRS2 flüchte ich von der eigentlichen Realität, die mir dauernd aufgetischt wird. Ob diese Realität mir nun von «heute» oder von einem anderem, weil sowieso überschneidenden satirischen Realsatiremagazin zubereitet wird, ist gleichgültig. Sie ist da, zum Greifen nah, man müsste sich allerdings bücken, um sie aufzuheben.

DRS2 erzeugt eine heile Welt, in der Aufgeklärtheit, Humanismus und Bildung obsiegen. Sie grenzen sich bewusst vom Rest der Welt ab und kultivieren ihre Bildungshuberei. Mich bestätigt vor allem, dass ich die mutmasslich intellektuellen Gespräche auf DRS2 verstehe, also deren Terminologie bestens nachahmen könnte, sofern ich dies bedürfe. Also beruhigt es mich, dass fernab von Fernsehen und Lokalpresse noch eine Institution sendet, die erhaben über das Geschehen thront.

Seiten: 1 2 3 4 5 6 Nächste