Antizyklisches Investieren

Während meiner Berufsausbildung gingen wir vom Ansatz aus, der Mensch handle primär emotional und nicht wie gemeinhin angenommen rational. Der also viel beschworene rationale Mensch, welcher nur seinen eigenen Profit maximieren möchte, existierte für uns nicht. Schliesslich behaupten wir gar, der investierende Mensch orientiere sich nur an seinem Umfeld; will also seine Anlagen möglichst mit seinen Mitstreitern vergleichen und im gegebenen Fall anpassen. Diese rationale Irrationalität drückt sich im Herdentrieb der Anleger aus; einem mystisch aufgeladenem Abstraktum, dessen These besagt, der Mensch agiere nie als Einzelwesen, sondern berücksichtige dauernd den Markt, indes er das Marktverhalten seines Umfeldes beobachtet.

Leider blieb auch uns verwehrt, die sagenumwobenen Gesetzen des Herdentriebs zu entdecken. Ansonsten siedelten wir längst auf die Bahamas über und versendeten täglich unsere Anlagetipps. Jedoch vertröstete uns der Umstand, dass niemand wissen konnte und kann, wie die auftreibend und hysterisch emotionalisierte Masse der Anleger reagiert und reagieren wird. Lediglich aus Einzelereignisse wie beispielsweise Terroranschläge liess sich eine Mutmassung schlussfolgern, wie die Anleger nachträglich den Anlass verarbeiteten. Doch mitunter wurden auch die Anleger gegen solcherart Verstörungen und Verwirrungen geimpft, sind demnach immun und deswegen, wie die Börse gerne posaunt, verursachte ein zweiter 9/11 heute keinen Crash mehr.

Als Faustregel gilt aber weiterhin; verkaufe sofort Aktien, wenn der Blick zyklisch, weil periodisch titelt, an der Börse herrsche Goldgräberstimmung. Spätestens dann, sofern Massenmedien darüber berichten, wurde der Höhepunkt überschritten und der Markt, welchem nun eine Überbewertung droht, reguliert, will heissen, bereinigt sich selber. Auch, weil Anleger, die an die Existenz eines Herdentriebs glauben, sofort ihre Anlagen verschieben und bestenfalls Gewinne realisieren.

Der Ruf nach Vordenker

Ich setze nicht mehr voraus, die Menschen seien unmündig. Gleichfalls beschäftigt mich die sowohl selbst verschuldete als auch bequeme und freiwillig tolerierte Unmündigkeit des Menschen nicht mehr. Um es anders auszudrücken, es ist mir ehrlich gesagt auch ziemlich gleichgültig, wie auf-, ab- oder verklärt eine Masse sei. Jedoch fordere ich weiterhin, dass die Masse entmasst werden sollte; also ihre gesicherte, weil ebenso praktische Anonymität aufgibt zu Gunsten einer Individualität im Zusammenhang mit Kleinstgemeinschaften.

Doch ich applaudiere manchmal, wenn der Ruf nach Vordenker hallt, mit begeistertem Beifall. Diese prinzipielle, kindische, wohlgemerkt unmündige Sehnsucht nach einem Meisterdenker, der leitet und bestimmt, besprach ich bereits in meinem Artikel DER DISSIDENT: «Führersehnsucht». Aber auch Albert ergänzt:

«[...] wie soll man bitteschön die selbstverschuldete unmündigkeit im 21. jahrhundert verstehen? welch ein grandioses menschenbild. vor allem ist es leicht den menschen für unmündig zu erklären. so hat man dann seine aufgabe gefunden. [...]»

Ich glaube mich in einem Widerspruch aufgelöst und dementsprechend gelähmt. Einerseits bejahe ich die konsequente Elitenbildung, weil ich im Privaten der Masse jegliche Kompetenz eigentlich abspreche, obgleich ich auf dieser inszenierten Plattform mich der ignoranten Gleichmütigkeit hinzugeselle. Und anderseits verneine ich die Sehnsucht nach einem Vordenker, Führer.

Der allgemeine Studierendenausschuss der Freien Universität Berlin (kurz astafu) schrieb angesichts der in Deutschland zuweilen rauschhaft bejubelten Exzellenzinitiative:

«Der Ruf nach Eliten ist nicht neu: Die Vorstellung einer Gesellschaft, die sich in Leistungsträger, Experten, Führer oder ‹Promis› auf der einen und dumpfe Masse auf der anderen Seite teilt, ist eine grundlegende Konstante konservativer und wirtschaftsliberaler Gesellschaftsbilder. In dieser Vorstellung wird die Dichotomie von herrschender Elite und beherrschter Masse zum Naturgesetz erklärt. Dies bildete und bildet immer noch eine zentrale Säule der Legitimation antiegalitärer Herrschaftssysteme.»

Trotzdem hilft mir auch dieses Fundstück nicht weiter, sondern erhärtet nur den Verdacht, dass ich weltanschauungsmässig doch eher zum Konservatismus und Wirtschaftsliberalismus tendiere. Sowieso naht die Stunde der Wahrheit, an dessen Augenblick ich mich zu einer Weltanschauung bekennen muss, denn das ewige, ereignislose Sackhüpfen zwischen den Theorien deklassiert mich bald zu einem forschen Skeptizist, der per definitionem sowieso alles ablehnt oder anzweifelt. Und wenn ich nichts mehr zum Festhalten besässe, opferte ich meine Menschlichkeit dem Zynismus.

Wieso fürchten wir uns überhaupt?

Zwar werden die Massen täglich auf den bevorstehenden Kampf der Kulturen oder auf den Weltkrieg um Wohlstand vorbereitet, trotzdem, wennauch ich insgeheim die Tatsächlichkeit eines «Krieges» anzweifle, glaube ich an unsren Sieg angesichts eines anbahnenden Zusammenpralls. Schliesslich erarbeiteten wir uns redlich nicht unverdient den einzigartigen Platz an der Sonne, welche aufstrebende Nationen weltweit bewundern und tausendfach kopieren.

Der Westen begründete die erste moderne Zivilisation, die in ihrer Totalität, Konformität und Funktionalität bei weitem noch nicht ausgereizt ist. Gleichsam exportierten wir unsere Vorstellung und Idee einer Zivilisation, die jeweils auf örtliche Eigentümlichkeiten angepasst wurden, aber insbesondere im Beispiel Japans widerstandslos in die lokale Kultur aufgingen.

Was uns demnach auszeichnet, ist unsre Beliebigkeit, unsere Flexibilität und unser Wille zur Anpassung. Ausserdem verteidigen wir uns wehrfähig, indem wir nicht kapitulieren, gleichwohl Polemiker im eigenen Nest das Gegenteil behaupten, sondern ungeachtet weiter werken, als glaubten wir an keine Bedrohung. Diese Fähigkeit, unverblümt über Missstände hinwegzusehen sowie Konkurrenten zu verniedlichen, zahlt sich langfristig also aus.

ETH wirbt

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Dass die Zeiten allmählich schwinden, als Wissenschaftler ohne dem Mühsal der Geldbeschaffung forschen und lehren durften, bestreitet heutzutage niemand mehr. Die Wirtschaft, kein Dämon im klassischen Sinne, aber ein Feindbild wohlstandsverdrossener Jugendlichen, rüstet sich, auch die letzten, bislang wirtschaftsfreien Ländereien zu brandschatzen.

Dass ausgerechnet die ehrfürchtige und renommierte ETH den Unterwanderungsplänen Microsofts zum Opfer fiel, überrascht indes nicht, weil sie laut ihrem Selbstverständnis mit der Elite der Welt konkurriert, demgemäss manchmal für Unternehmungen werben muss und kann. So geschah es, wie die Digitale Allmend unterrichtete, dass gestern Abend ein riesiges Windows Vista Logo auf ein Gebäude der ETH projizierte wurde.

Selbstverständlich verursachte diese überraschende Wendung der ETH Entsetzen und Empörung bei den eifrigen Linux-Adepten.

Die Kinder der Globalisierung

Wir sind die ersten, die die Globalisierung in ihrem entfesselten Ausmass verkraften müssen. Bislang, selbstredend im Zeichen des Kalten Krieges, grenzten sich die westliche Volkswirtschaften ab und versüssten den Traum gleichermassen das Abstraktum der Freiheit mit einem gütigen wie spendablen Sozialstaat. Doch verkatert erwachten wir aus dem Schlummerschlaf in Wiegen einer Illusion; gefühlte Sicherheiten erweisen sich als langfristig sicher und beständig.

In Deutschland bezeichnet man unsere Kohorte «Generation Praktikum». In Italien und Spanien verantworteten letztjährige Berichte über die «Generation Mille Euro» Aufschrei und Entsetzen. Und jüngst titulierten zwei Berliner gar, sie nennen ihren Lebensstil, der althergebrachte Sicherheiten wie Festanstellung oder Lebensplanung strikt ablehnt, Arbeit – oder nennen zumindest das Arbeit, was sie tun.

Nun bestätigt gar Melanie Zerahn in der aktuellen taz meine gewünschte Befürchtung: Wir seien alle Praktikanten, präzisiert sie. Im O-Ton:

«Die Generation Praktikum ist nicht das Risiko einer kleinen randständigen Gruppe prekärer Akademiker. Sie ist Vorbote einer Globalisierung, die auch das ganze westliche Lebens- und Erwerbsmodell auf den Kopf stellen wird: Beruf, Geld und Liebe»

«Masseinheiten für Gefühle»

Alles, was nicht wissenschaftlich messbar ist, verdient keine Glaubwürdigkeit. Besonders unglaubwürdig ist demnach das menschliche Befinden, denn es lässt sich nicht messen oder in genormten Masseinheiten zwängen. Die Riesenmaschine jedoch versucht neuartige Masseinheiten für Gefühle zu erfinden. Nicht ohne «Ohmmacht» aber mit positiviertem Sendungsbewusstsein brütet der Autor Sascha Lobo fantastisch anmutende Begriffe wie beispielsweise «Angström» oder «Zuneigungswinkel» aus.

Abgesang an die Mundartmusik

Schweizerisches Mundwerk schätze ich nur, insofern es zur simplen, zweckmässigen Kommunikation verwegener Bergbewohnern dient. Wenn aber die kleinlichen Schweizer, und eben weil sie ihre Kleinlichkeit erkannten, sich einredeten, sie müssten nun ihre Sprache der Welt verkünden und mit Musik vermüllen, grenzt meine Akzeptanz am Mindestmass an missfälliger Toleranz.

Leider kann ich die entsprechenden Herren nicht beschimpfen, kenne ich doch ihre Namen nicht, die, die meinten, sie müssten schweizerdeutsch singen oder rappen. Aber aus unmittelbaren Bekanntschaft wurde ich bereits mehrmals mit dieser Anmassung belästigt. Besonders ekeln mich Dialekte, die nicht meinen Gusto eines interkantonal reinrassigen, weil vermischten, dadurch beliebigen und geschmacksneutralen Oltner Bahnhofsdialekts schäumen lassen.

Namentlich indirekt erwähnt seien hier alle Dialekte, die von einer schweizerischen Grossstadt beeinflusst wurden. Exotische, dialekttechnische Randregionen möchte ich ferner gar nicht berücksichtigen, denn solch ein langfristiger Hörschaden surrt ja, als würde ein Bergbauer aus dem für die kollektive Identitätsbildung und -werdung existenziellen Tourismus Switzerland Bild plakativ wie aufmüpfig fliehen und beginnen seinen Weltschmerz aufgrund seiner mutmasslich unverschuldeten Fantasielosigkeit in der ewig gleich bleibenden Oktaven zu säuseln.

Bitte nicht. Wenn ihr schon auf einer Deutschen Wellen reitet möchtet, sattelt doch aufs Hochdeutsch um. Ich wünschte mir nämlich, dass der Bergbauer seine Kälber weiterhin mit GPS lokalisieren kann und nicht, dass angesichts seinen Lauten die Tiere derart verstört entweder von ihm flüchten oder sich gar freiwillig im Stall verkriechen.

Anti-Anti-WEF-Demo

Das nächste Jahr organisieren wir, wir sind ein unbestimmtes Kollektiv aus gleichgeschalteten und linientreuen WEF-Adepten, eine Anti-Anti-WEF-Demonstration. Wir posaunen Parolen wie «Wohlstand für alle», «Globalisierung ist cool», «Globalisierung für den Weltfrieden» und so weiter. Aber, wir werden vermeiden, Widersprüche zu entblössen, die unsrer Glaubwürdigkeit schadeten. Denn wir als ehrliche WEF-Sympathisanten begeistern uns geernstet und gewissenhaft für die Globalisierungssache! Derart Peinlichkeiten, wie die NZZ sie vorgestern benutzte, um die Globalisierungsgegner der Lächerlichkeit preiszugeben, wünschten wir also nicht unsrem Auftreten.

«Manche der Globalisierungsgegner liefen mit Coca-Cola-Dosen in der Hand herum. An einem Demo-Fahrzeug hing ein Transparent ‹die grösste Umweltbelastung ist der Mensch› – auf dessen Anhänger tuckerte ein Generator, der eine laute Musikanlage versorgte.»

Musicstar

Zum ersten Mal wurde ich von Mitbewohnern gedrängt, das menschliche Leiden und demgemäss Streben nach Aufmerksamkeit, Bestätigung gleichsam Identität zu studieren, also die Suche nach dem neusten Musicstar des schweizerischen Fernsehens zu begutachten. Das Format indes überraschte mich nicht, dennoch vermochten die moderaten, weil austauschbaren Moderatoren mich im Detail zu verblüffen. Nämlich ihre Beipflichtung der Erwartungshaltung des Publikums, wie die beliebigen Müttern ihre ebenso beliebiger Kandidaten angesichts eines plötzlichen Ausscheidens vertrösten können.

Mein Gott, ärgerte ich mich, ihr züchtet Stars und keine Muttersöhnchen heran. Ferner fühlte ich mich bereits an einen Artikel erinnert (DER VERWERTER: «Ohne Grenzen zu den Stars»). Um in diesem Zusammenhang ausnahmsweise mit Noel Gallagher zu sprechen schmachte ich nach Stars, die im Handstand Groupies beschmieren, auf Kronenleuchten halsbrecherisch seiltanzen, jeden dritten Monat wegen Drogenmissbrauch im Gefängnis fristen und dauernd auffallen, weil sie von der bürgerlichen, ergo berufsalltäglichen Norm abweichen. Denn nichts frustriert und langweilt mich mehr als verkrampfte und gekünstelte Musicstars, die Ich, Du und Wir sein könnten.

Was aber bei Musicstar bestenfalls präsentiert wird, ist im Glücksfall dessen, was ich als Zufall benenne, eine seichte Unterhaltung. Schliesslich glaube ich, dass dieses TV-Format nicht ernsthaft erfunden wurde des Willens, vermarktbare Stars ab der Stange zu produzieren, sondern schnelllebig das Fernsehvolk zu amüsieren. Eine Haltbarkeitsdatum der gecasteten Jugendlichen wurde dementsprechend nicht mitgeliefert oder wird per se nicht gewährt. Sowieso, wer mag sich denn noch an die letztjährigen Absolventen dieser international unbeachteten Kaderschule erinnern? Würden sie nicht dauernd von der Jury aufgegriffen werden, freilich des Kritikers Zeichen, seine umfassende Kompetenz der spassigen Angelegenheit zu beweisen, versiechten sie längst in der Bedeutlosigkeit, die ich manchmal gerne auch als Relevanzschwund schätze.

567 Berufsbezeichnungen einer Prostituierten

Bislang kannte ich lediglich einige auserwählte Synonyme für den beflissentlich edlen Beruf einer Prostituierten, dessen Arbeit ich schätze, wuchs ich doch in unmittelbaren Nachbarschaft zum Gewerbe auf. Eine Düsseldorfer Künstlerin, wie der SPIEGEL online heute berichtete, fand 567 hierzulande gebräuchliche oder ausgerottete Synonyme für das Wort Prostituierte.

Perlen wie Mandl, Meis, Mette und so weiter lassen erahnen, welch Bedeutung die Prostituierte in unsren Breiten innehielt und -hält, dass wir so mühsam versuchen und versuchten, ihren wahren Beruf sprachlich möglichst zu verschleiern. Dennoch gab ich mich genügsam, ich kannte nur die Begriffe Freudenmädchen, Dirne, Hure und Sexarbeiterin. Ob dies meine Liberalität bezeugt oder einfach auf eine Bildungslücke zeigt?

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