«Patriot ist in den Demokratien jener, der vom Staat lebt. Egoist jener, von dem der Staat lebt.»
(Quelle: Nicolàs Gómez Dávila)
Der demokratisierte Staat liebäugelt – nicht öffentlich, aber insgeheim – mit dem Bürger, der aus seiner Hand frisst, also direkt von ihm abhängt. Der bevormundete Bürger protestiert sicherlich nicht, denn der Staat ernährt, führt und leitet ihn, und wieso sollte er denn diese gedachte Wonne aufgeben – zugunsten einer Hand, die ihn auspeitscht und herausfordert? Der Staat, der die Bürger schultert, vereinfacht deren Leben, verlangt aber streng-väterlich, dass die Unterstützten sich bei ihm fromm bedanken und ebenso artigst sich ihm untergeben. Das Gebet verrichten sie täglich.
Den Egoisten allerdings, welche freiheitlich streben ihre Lebensziele und -wünsche zu verwirklichen, wirft der Staat vor; sie vernachlässigten die Allgemeinheit, unterhöhlten die Ideale eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens und beugten sich keinem höheren Willen. Dennoch finanzieren ebenjene, die der Staat anklagt, den Staat. Die Staatsgläubigen (siehe DER VERWERTER: «Staatsgläubigkeit») verteidigen gedrillt und verblüffend geeinigt den Staat. Die Egoisten wiederum schwadronieren, polemisieren und hetzen gegen einen Staat; der interveniert, solidarisiert oder sich schlichtweg in innere Angelegenheiten einmischt; die jeder Mensch eigentlich selbst zu verantworten und sich selbst zuzuschreiben hat beziehungsweise hätte.
Entschieden bekämpfe ich den Individualismus meiner Kohorte, dessen Selbstverständnis die Ichs meiner Generation aufbläst, zudem lediglich Individualität heuchelt, nur so tut als ob man individuell sei, redlich Individualität sowieso käuflich, demgemäss keine Angelegenheit der Individualität sondern des Einkommens ist. Unlängst hatten sich diese Thesen verbreitet, aber führten zu keinem Umdenken. Ein psychologischer Test in den USA holt nun nur nach, was überfällig war (siehe Telepolis: «Web 2.0 fördert den Narzissmus»): den wissenschaftlichen Beleg dieses Phänomens.
Mich langweilt die Aufmerksamkeitsökonomie. Spasseshalber trete ich dennoch auf den Mühlen der Aufmerksamkeitsökonomie; rattere mit, purzle im Karussell meiner geglaubten wie gedachten Wichtigkeit und verführe dabei die Mitmenschen. Indem ich die Aufmerksamkeitsgesellschaft unterwandere; mich selbst zum Ideal überdrehe, rufe ich hoffentlich hervor, dass die Menschen meinem Spiel misstrauen, es durchschauen. Sobald die Erkenntnis im Ich meiner Marionetten anbelangt, kopieren sie mein Verhalten und redeten sich dadurch gutmütig und blauäugig ein, dies könnten sie ebenso gut wenn nicht besser bewerkstelligen.
Ich behindere die Menschen an der feierlichen Inszenierung ihres selbst nicht. Sie dürfen ausprobieren, kosten, wie die Macht schmeckt, über Menschen zu verfügen, die einem die bedingungslose Aufmerksamkeit schenken – und freilich ohne Anspruch auf Entgelt. Dieses Gefühl sättigt aber das Ich nicht, es schreit kindisch nach mehr; einmal getestet, wird danach immer gefestet, und schliesslich vergisst man das Fasten. Ehe man die Notwendigkeit einer Zwangsdiät eingesteht, hängt man unbemerkt in der Aufmerksamkeitsökonomie fest, die wiederum nicht zögert, speziell personalisierte Produkte anzubieten, die den Hunger gleichsam wie bei McDonald’s kurzzeitig stillen, trotzdem das Bedürfnis nach mehr darin verborgen einpacken.
«Man könnte grössenwahnsinnig werden: so wenig wird man anerkannt.»
(Quelle: Karl Kraus)
Das Über-Ich strebt nach Geltung und Anerkennung. Beachtet und würdigt das Umfeld einen Menschen nicht, verschliesst sich dieser und schnürt fortan sein alltäglich sich selbst bescherendes Geschenk; er sei doch derart grandios und übermenschlich, dass das Umfeld überhaupt nicht verstünde, geschweige, nachvollziehen könnte, welch sonderlicher und bemerkenswerter Genius in ihm schlummert. Redet sich der an Grössenwahn Gefährdete überdies noch ein, sein Intellekt übertreffe derjenige seiner Mitmenschen dermassen, dass sie auch nicht nur ansatzweise befähigt seien, ihm zu folgen, so verinnerlicht er die ihm zugeteilte Kränkung endgültig.
Andersherum; heuchelt das Umfeld Interesse und Anerkennung, täuscht dem nun zunehmend Gekränkten vor, er sei genial und so weiter, reinige dies lediglich seine Vorspiegelung; und alsbald er sich im Glauben bekräftigt und bestätigt hört wie liest, weicht er von ihm nicht mehr ab, unbeachtet dessen, dass sein vermeintlicher Genius sich nur auf Lügen und falscher Empathie seines Umfeldes stützt, die jederzeit zusammenbrechen könnten, sofern der für den gepeinigt Geglaubten lebensnotwendige Beifall des Umfeldes einmal, ausnahmsweise oder unwiderruflich ausbleibt.
Was ist zu tun? Man kann ihn nicht ignorieren, dies stärkt den Grössenwahn. Anderseits darf man ihn auch nicht unterstützen, dies hält ebenso die Vorspiegelung rein.
Das Volk regiert; erhebt den Anspruch, Gottes Nachlass zu verwalten. Die Mehrheit vergewaltigt also die Demokratie. Als ob der kleinbürgerliche Büroangestellte sich überhaupt für das politische Tagesgeschäft interessierte, nein, er tut nur so als ob. Und heuchelt er nun Interesse, sprechen Politiker prompt für das Volk; glauben sich als Verkörperung des Volkgeistes ermächtigt. Deren Selbstverständnis erinnert mich an den grössten Feldherrn aller Zeiten, der ebenso sich einredete, er verkörpere das Volk.
Ihr wisst, sofern ihr aufmerksam meinen Blog liest, dass ich mich zum Kulturpessimismus bekenne, aber mich nicht mit andren Verdrossenen solidarisiere, sondern schrittweise mich zurückziehe, verkrieche und isoliere – aber nicht übertreibe, denn auch ich muss anschaffen, studieren gehen, mich gelegentlich also notgedrungen sozialisieren. Ekelhaft, nebenbei stellt sich für jeden Jugendlichen die Frage, welcher Subkultur er zugehört. Subkulturen vereinnahmen zwar die Jugendlichen, gewähren aber ihnen dankend Identität und ein unerschöpfliches Reservoir an Gleichgesinnten sowie willigen Sexualpartnerinnen. Darauf kann kein üblicher Jugendlicher verzichten, ausgenommen ich, aber nicht, dass ich leide, keinesfalls, ich beobachte natürlich die Subkulturen. Und am meisten gefällt mir die düstere, pessimistische und selbstbemitleidende Subkultur der Schwarzen, der Grufties, der Metal-Zöglinge.
Ja, ich kenne ihn, den Menschenhass. Die Adepten meiner Lieblingssubkultur «Black Metal» versuchen sich gegenseitig im Menschenhass zu übertreffen, ich warte derweil draussen das Ergebnis ab. Verständlicherweise hasst man die Menschheit, wenn man sich selbst verabscheut. Diese Verbindung wird sofort hergestellt, folgert sich zwangsläufig, daran zweifle ich nicht. Aber verwerflich wie bedenklich ist doch allemal, von sich aus auf die Allgemeinheit zu schliessen. Ich verallgemeinere meinen Hass ja auch nicht, gleichwohl ich beichte, dass ich als gedachter Einsiedler sowieso nicht sonderlich Positives über die Menschheit aussprechen kann, denn ansonsten zog ich nicht die bedingte Isolation dem fröhlichen gesellschaftlichen Leben vor.
Mithin klagt man, die heutigen Jungen wuchsen ohne ein glaubhaftes Vaterbild auf. Insbesondere die Knaben geschiedener Eltern, die meisten von den Müttern grossgezogen werden, leiden darunter, wenn sie gar in der Schule mit Weibern konfrontiert werden. Zwar lernen so die Jungs, endlich ihre Emotionalität zu akzeptieren und sie nicht wie ihre Vorfahren dauernd zu leugnen. Trotzdem vernachlässigt die verweiblichte Schule, die Bedürfnissen eines männlichen Heranwachsenden zu befriedigen, der nicht nur Hesse interpretieren, sondern manchmal auch gerne mit wüsten Kriegsmetaphern toben möchte. Überdies hemmt die weibliche Fürsorge und Empathie, die von der Wowi polemisierte Kuschelpädagogik, dass die Jungen auch herausgefordert werden.
Ich frage mich zuweilen, wo das hinführt, wenn sich eine Gesellschaft spaltet, entzweit oder teilt. Parallelgesellschaften gruppieren sich allmählich, und nicht nur um diejenigen, die wir als Menschen mit einem Migrationshintergrund benennen, sondern auch normale Menschen – wie du und ich – bilden mit Gleichgesinnten Gemeinschaften, dessen Identität hauptsächlich darauf baut, wen man gemeinsam verachtet und wem man überhaupt nie ähneln möchte.
Im Normalfall beunruhigt mich diese Entwicklung nicht, denn ich bin daran gewöhnt, gleichsam erprobt; die Planmässigkeit des Geschehens hinzunehmen, keinen Ärger aufkeimen zu lassen. Was mich aber besorgt, ist, dass die Politik sich zunehmend extremisiert. Bedenkt man ferner, dass Polaritäten sich ausgleichen, aufheben und erübrigen, dürfte man schlussfolgern, dass dann die komplette Politik nur noch eine Alibi-Übung veranstaltet, eine Art Show, Spektakel.
Wir streiten, wie von Natur aus der Mensch veranlagt sei; ob der Mensch nun jagt und sammelt, ob er für die Polis geschaffenes Wesen oder ob er lediglich ein vernunftbegabtes Tier sei. Wir wollen den Code des Menschseins entschlüsseln, schicken Wissenschaften auf die Suche; das Menschsein gründlich und endlich zu erforschen. Dennoch blieb uns vorerst versagt, den Menschen zu erklären. Zwar können wir die DNA des Menschen lesen, aber verstehen sie noch nicht. Ebenso bedient sich jeder des Begriffs Bewusstsein, doch die meisten scheuen den Begriff zu entwirren. Niemand kann also sagen, was das Bewusstsein ist, und welche Funktion es innehält. Trotzdem tun wir so, als ob wir den Menschen verstünden, gleichsam wie ein 17-Jähriger, der aufschreit, er begreife die Welt und fühlt sich indes von ihr gelangweilt.
Ich verberge mich hinter einer gepanzerten Illusion der Unzerbrechlichkeit, der Unnahbarkeit. Das allgemeine Desinteresse, welches ich gegenüber dem Weltgeschehen und den meisten Mitmenschen aufbringe, sollte mich davor schützen, teil eines Schicksals zu werden, das mich gegebenenfalls berühren und mitreissen könnte. So wende ich mich ab, verkrieche mich, oder andersherum, ich verschliesse mich und insbesondere meine Augen vor dem Unheil, das ich nicht ertragen könnte. Albert lehrte mir den Begriff «bürgerliche Kälte», den ich sofort ebenso erbarmungslos übernahm, aber ihn nicht für mich reklamiere. Dieser Begriff ist genügend interessant und aufschlussreich, immer wieder wiederholt und erinnert zu werden.
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