Schweiz in die NATO

Ausnahmsweise breche ich mit einer selbst auferlegten Regel: ich anerkenne faktisch die Existenz des Nationalstaates Schweiz, freilich eine Tat, die ich bisher immer mied. Nun aber angesichts einer veränderten Situation fühle ich mich gezwungen, meinen politischen Minimalismus um eine weitere Forderung zu ergänzen: den sofortigen NATO-Beitritt der Schweiz. Neutralität, Unabhängigkeit und derlei sind nur simulierte Einbildungen, die ein Inseldenken begünstigen, indessen aber nicht dem weltpolitischen Realismus Gehorsamkeit beipflichten. Wer mich also mit derartig leeren Begriffen wegputzen will, scheitert im Vorhinein.

Nun sollten wir verantwortungsscheuen Schweizer endlich Profil bekennen; uns zum Westen wenden, von dem wir seit Jahrzehnten selbstgerecht zehren, aber immer noch nicht gewillt sind, mit ihm Verantwortung und Lasten der Welt zu teilen, wir Faulenzer. Skandalös bei solchen Meldungen empfinde ich demnach lediglich, dass die Schweiz immer noch nicht der NATO angeschlossen ist, trotzdem sich über die unruhige Weltlage ärgert und vornehmlich die USA beschuldigt, sie habe das gegenwärtige Chaos verursacht, anstatt zu handeln und einem Wertekanon zuzugehören.

«Das ist relativ»

Privat geführte Streitgespräche enden oftmals mit der Aussage: «Das ist relativ». Und so ist, meist zum Leidwesen deren, die auf absolutistischen Standpunkten verharren. Beweis unsrer Vielseitigkeit ist, dass alles relativiert werden kann. Wechselt man die Perspektive, schafft man einen neuen Blick frei, und jedes Ding, welches wir vorhin gewohnt kannten, erscheint nun in einer veränderten Situation. Der allgegenwärtige und beliebig anwendbare Relativismus gefährdet deswegen die Bildung eines Konsens. Abgemüht ist man also in Verhandlungen verzwickt, die meistens münden in die Not, dass sowieso alles relativiert werden kann. Deren Menschen, die Argumente mit Grund und Boden fundamentieren möchten, wird dadurch die Arbeit erschwert, Mitmenschen für ihre Ideen zu überzeugen und zu begeistern können.

Der Schwund starker Gefühle und Affekte

Der Mensch zivilisiert sich. Das heisst, er zwang seine Gefühle ins Joch, sodass er sich selbst besser beherrschen konnte. Diese Fähigkeit der Unterdrückung der eigenen Gefühlen und die Massregelung der selbstlosen Affekten setzt jedwede Zivilisation zwingend voraus, ohne deswegen gleich von einer über dem Barbarischen erhabenen Kultur sprechen zu wagen. Weil wir unsere Gefühlswelt zunehmend schwächten, die Sinnen stumpften und Reize beinahe ausnahmslos abtöteten, schnauzen wir auch mit ansteigender Intoleranz gegen alle stärkeren Gefühle, als die wir zu bändigen und zu dressieren wissen. Zwar wollen die Medien tendenziell das Publikum für Scheindiskussionen emotionalisieren, trotzdem bricht deren Bemühen ein minder hartnäckiges Tabu, welches die einten freudig aufgreifen, damit andere es spiessig bekämpfen können. Infolgedessen verbreitet sich die Kälte, die Menschen schützt, aber letztlich doch nicht rettet.

Problem der Provinz

Die Jugend in der Provinz hilft, den Glauben der eigenen Besonderheit zu stärken. Währenddessen in der Grossstadt man unweigerlich erfährt, auch andere Menschen können etwas gut oder gar besser bewerkstelligen, fühlt mich sich in der Provinz eher vereinsamt und als etwas Besonderes. Erst der Kontakt mit der grossen und dementsprechend vielfältigeren Welt ernüchtert den Jugendlichen. Andersherum beruhigt auch zu wissen, dass Menschen leben und arbeiten, die Ähnliches denken und letztlich erschaffen. Doch schliesslich empfiehlt sich für den hartgesottenen Einzelgänger, nach erfolgreicher Unterwanderung der grossstädtischen Welt wieder in die Abgeschiedenheit heimzukehren, damit fortan die künstlerische Kreativität zuvor durch weltliche Einflüsse stimuliert eigensinnig in gemächlicher Abgeschiedenheit fruchten und gedeihen kann. Zum Vergleich und Austausch ist dennoch überdies ratsam, gelegentlich die konzentrierte Welt in einer Grossstadt aufzusuchen, sodass man die Werke des eigenen Eigensinns und des der Anderen unterscheiden kann.

Wörter des Tages

Die Universität Leipzig bietet seit geraumer Zeit einen online zugänglichen Wortschatz an, der sich aus vergangener und zeitgenössischer Schriftkultur (Blogs miteingeschlossen) zusammensetzt. Was ich allerdings nicht wusste, ist, dass die Universität täglich eine Liste der am häufigsten verwendeten Wörter der deutschsprachigen Tageszeitungen und anderer Newsdienstleistungen veröffentlicht.

http://wortschatz.uni-leipzig.de/wort-des-tages/

Irrationale Risikobewertung

Die Angst verfälscht unser Urteilsvermögen. Plötzlich gelobt der gemeinhin als rational verehrte Mensch keine Vernunft mehr, wenn die Angst ihn aufwiegelt. Von Sinnen beraubt interessiert er sich nur noch dafür, wie er seine Risiken mindern kann, ohne deswegen aber auf die Vorzüge des Lebens verzichten zu müssen. Ergibt dieses Risikodenken nicht einen Menschen, der sein Leben nur noch anhand ausgehändigten oder vermittelten Risiken berechnet und plant? Vermutlich sind Menschen bereits dermassen fortgeschritten, dass sie wie Maschinen Risiken, Nutzen, Aufwand und Ertrag kühl abwägen und dementsprechend kalkuliert urteilen.

Dieses pragmatische Denken darf man eigentlich nicht aufgeben, schliesslich konnten wir nur mithilfe einer derartigen Pragmatik eine geschmierte Wirtschaft aufbauen, die uns und überdies Mitmenschen ernährt. Problematischer ist dennoch, dass die massenhaft produzierte Angst Menschen dazu veranlasst, ihren von Gott begnadigten im Sinne der protestantischen Arbeitsethik rationalen Pragmatismus zugunsten der angstaffektierten Irrationalität zu opfern, welche Menschen in mobähnlichen und unkontrollierten Herden zusammenfasst, die ohnehin nicht zu steuern oder zu beherrschen sind und sich deswegen auch beängstigend verselbständigen können.

Sehnsucht nach den Ausserirdischen

Wir sehnen uns nach einem höheren Wesen, welches uns entweder erlöst oder bestraft. Diese Sehnsucht ist das Ergebnis einer orientierungslosen Gesellschaft, die weder ahnt noch weiss, wohin sie zusteuert und weshalb sie eigentlich noch steuere. Ein höheres Wesen verspräche Sinn, Heil und Gewissheit. Bekanntlich erhängten wir übereilt Gott als Opfer für die Wissenschaft und tanzten ekstatisch um dessen Kopf, freilich mit dem Verständnis, jetzt seien wir frei und mündig.

Mitnichten, die Menschen sehnen sich immer noch nach einem höheren Wesen, welches entweder ihr Verschulden büsst oder ihr Leiden heilt. Und weil eben Gott tot ist, erhoffen wir die baldige Ankunft der Ausserirdischen, die uns entdecken und die uns angesichts dieses Entdecktwerdens beweisen, wir seien endlich jemanden unterlegen, derweil auf Erden doch der Mensch seinen Grössenwahnsinn mithilfe unfassbaren Einbildungen stärkt und stetig ausweitet.

Theorieangst

whois schrieb mir privat:

Amüsant, wie du dich weigerst, dich auf Theorien bekannter Autoritäten einzulassen. Gerade einem Freigeist wie dir, der Theorien nicht verfällt, sondern diese lediglich besitzt, dürfte es dem Glücke nicht abträglich sein ;)

Ich antwortete ihm:

Dauernd mahnt mich die Gefahr, gäbe ich mich bedingungslos einer Theorie frei, sähe ich nicht mehr, alsdass diese einte und dennoch breite Röhre mir erlaube. Wissentlich ist, diese Grundhaltung erzwinge ich mir, und ist gleichsam, ich vergesse den manchmal klärenden und bestätigenden Blick durch ebenjene Röhren, deren Blick zumeist Interessantes zu offenbaren vermag.

Trotzdem bin ich nicht behindert, freimütig Theorien zu studieren und darüber hinaus für mich Interessantes und Relevantes eigennützig zu verwerten. Jedoch bedingungslos werde ich mich vermutlich nie zu einer in sich geschlossenen Theorie bekennen, gleichwohl wie systematisch sie geregelt sei.

Ich wette, dass ich in drei Jahren Luhmann verehren, ihn allerdings in sechs Jahren wieder verachten werde.

Abschiedsrede für die Vario Bar

Olten verdient am Verkehr, ob Geschlechts- oder Durchfahrtsverkehr ist gleichgültig. Ansonsten bietet das beschauliche Olten wenig Möglichkeiten für Erwerbsarbeit an. Lange Zeit beherbergte Olten einen besonderen Plattenladen der klassischen Ausprägung namens BRO. BRO teilte seine Liegenschaft mit der grossstädtisch anmutenden Vario Bar. Ersterer gibt nun auf. Die Konkurrenz des stationären und neuerdings auch online getätigten Vertriebs zwang den Inhaber zum restlosen Ausverkauf seiner über Jahren angesammelten Erzeugnisse zeitgemässer und alterthümlicher Kulturindustrie. Die Vario Bar indessen überlebte, bedauernswert eigentlich, pflege ich mich gern zu wiederholen.

Denn der Untergang der Vario Bar würde der Stadt wieder Kultur zurückschenken. Leider starb nur BRO, und mit diesem einen Laden gleichsam eben ein Stück Verkaufskultur, wie nun allerorts gejammert werden solle. Nein, stattdessen wird die Vario Bar ungeachtet ihres zweifelhaften Nimbus von den entleerten und bemitleidenswerten Junggesellen der Stadt bevölkert, deren bekannter und nachweisbarer Horizont zur Bar und wieder ins getraute Heim zurück reicht.

Ich würde all die Kulturphilister am liebsten nach Zürich ausschaffen. Pardon, ich weiss Zürich, dass diese kahlköpfigen Golfer der Coolness Zürichs nicht würdig scheinen. Ist auch so, für Zürich zu uncool und für Olten zu grossspurig sollten sich diese Kurzplatz-Spieler wahrhaft ausgegrenzt und überflüssig fühlen. Glauben sie aber nicht, deshalb feiern sich die Zeitgemässen und Verwässerten im Trug ihrer Einbildung jeden Abend selbst als Krönung kleinstädtischer Leichtigkeit und Seichtigkeit.

Esoterik-Messe in Olten

O nein, sie naht wieder, die Esoterik-Messe im Stadttheater Olten. Leider kann ich den Anlass nicht ignorieren, ich wohne schliesslich neben dem Stadttheater. Was soll ich nur tun, ich Ärmster? Soll ich mich – wohlgemerkt getarnt – reinschleichen und die sorglose Stimmung der Besucher vermiesen? Fürchte ich mich denn nicht vor des Teufels wüster Fratze? Allein der Gedanke, dass die Esoterik-Messe in Olten gastiert, ekelt mich. Und allein die Befürchtung, dass ungezähmte Hausfrauen frenetisch die Aussteller bewundern und bejubeln, motiviert mich geradewegs, des Anlasses Hysterie und Verklärung vorsorglich zu unterbinden.

Ich erweise allen einen aufrichtigen Gefallen, wenn ich den Anlass meide und schenkte mir gleichsam den Seelenfrieden. Denn ich will mich nicht unnötig und wirkungslos ärgern. Trotzdem beunruhigt mich, dass die Esoterik – nicht überraschenderweise – vor leichtgläubigem Zulauf überquillt. Freilich zeichnet die Nachfragesteigerung vor, dass das von Vernunft und Rationalität totgeschwiegene metaphysische Bedürfnis des Menschen immer noch tief und verborgen schlummert und neuerdings eben in Form der Esoterik zum Leben erweckt wird. Oje, also sollte ich lieber eine Alternative entwickeln anstatt mich über den Esoterik-Wahn aufzuregen.

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