Grauenhaft an der Gegenwart empfinden zu müssen ist, dass ich mir gar keinen besseren Zustand als den zeitgemässen vorstellen kann. Ich wüsste nicht, wie eine Utopie einer anderen Gesellschaft aussehen möge. Tatsächlich ist die Gegenwart, zumindest so wie sie scheint, die bestmögliche Option der vorausgegangenen ohnehin gescheiterten. Das ist insofern deprimierend, alsdass ich mich schleichend anpasse. Deswegen verkümmere ich, werde zudem passiv und nehme mich nur noch als Teil dessen wahr, was mir täglich serviert wird. Zunehmend erstarre ich, bin gelähmt und resigniert, ich werde also letztlich zu einer Einheit, die bedingungslos sich einreiht. Trost und Hoffnung verspricht mir lediglich das Grundeinkommen, eine Idee, die die Identität von der Arbeit abkoppelt und welche die starre Arbeitsethik sprengt.
Die beste Gegenwart aller Zeiten
Der kontrollierte Wahnsinn
Die Zivilisation, den Strick um unsren Hals legend mittels Erwartungs- und Leistungsdruck, fordert einen zu genüge heraus, abverlangt vieles; wir müssen schuften und krampfen, wohlgemerkt berechtigterweise und solange eine Gesellschaft sich primär über die Arbeit identifiziert, ist das auch mehr als nur gerechtfertigt – reichlich Selbstzweck und Selbsterhaltung.
Deswegen benötigt der Mensch eine Auszeit, einen flüchtigen Moment, dessen Augenblick aus dem Trott bricht, der ihn tagelang einsperrt und in starre zivilisatorische Konventionen zwängt. Die menschlichen Klassiker der Ekstase sind Tanz, Musik und Drogen. Diese Kulte werden heute noch rituell gefeiert. Wochenendes verdichten sich die Angebote der Kulturindustrie, dem Alltag für einen befristeten, weil bezahlten Augenblick zu entfliehen.
Dennoch sind derlei Angebote unbefriedigend. Elegant wäre sondergleichen, den kontrollierten Wahnsinn selbständig zu erwirken, freilich ohne mithilfe Drittmitteln. Wir zieren uns als kontrolliert, beherrscht und zivilisiert. Weshalb eigentlich «missbrauchen» wir unsere Selbstbeherrschung nicht dafür, kurzfristig den Wahnsinn zu huldigen?
Künstliche Empörung der Medien
Unschuldige Zivilisten wurden hingerichtet, täglich verhungern hunderttausend Kinder und Kriegsgefangene werden gefoltert, daraufhin sind die Medien empört. Ferner beginnen Debatten den Bürger zu ermüden, inwieweit unsere Zivilisation auseinanderdriftet. Ein Reissack in China kippt, die Medien üben geeint lautstarke Empörung. Das Ereignis kann noch so nichtig und unbedeutend sein, die falsche Empörung lauert einen stets auf.
Dergestalt Empörung heuchelt nur Mitleid und Interesse am Weltgeschehen vor. Und sofern das Ereignis überdurchschnittlich schwerwiegend lastet, ruft man umgehend eine Sammelaktion zugunsten den armen Opfer heraus, bis die Opfer wieder stillschweigend vergessen sind, den Modezyklen buchstäblich zum Opfer fielen.
Mitarbeiter Chef
Der beste, weil beliebteste Chef ist jener, der auch Mitarbeiter im wortwörtlichen Sinne ist. Denn nichts motiviert einen gewöhnlichen Büroarbeiter mehr, alsdass er spürt, auch der sonst so galante und als arbeitsscheu verrufene Chef werkt mit. Der Chef erhöht abermals seine Währung Respekt, wenn er beispielsweise relativ unschöne Arbeit verrichtet oder zumindest bei deren Erledigung mithilft.
Sehnsucht nach dem Kindsein
Ich bin ja verhältnismässig genässigt zivilisiert, die Differenz zwischen meiner Umwelt (der Gesellschaft) und meiner selbst (Ich) ergibt meine Individualität. Ausserdem lebe ich im Gefüge respektive in einem System Gesellschaft, welches wiederum in unzählige Gemeinschaften (Subsystemen, Subkulturen, Interessenverbände, Vereine, etc.) aufgeteilt ist. Meine kindliche Naivität und Unbeschwertheit tauschte ich gegen zivilisatorischen Tatsachensinn ein. Was nicht nützlich ist, spiele ich nicht (mit), verheisst die Formel aufs Leben angepasst.
Weil aber jene Formel, die ersucht, die Komplexität der Welt auf ein für den Durchschnittsbürger und gleichsam für mich verständliches Format zu pressen, zwangsläufig miteinbezieht, Komplexität zugunsten Reduktion abzubauen, werden weitaus mehr dunkle Flecken nicht erhellt, deren Helle abermals Tatsachen andersherum ausleuchteten. Nichtsdestotrotz, der Bürger indessen gibt sich beruhigt und vergewissert, falls er nur einen Teil der Welt wortwörtlich mittels der Macht der Worten begreifen kann.
Das Verlangen nach kindlicher Unbeschwertheit gesellt sich zur faustischen Sehnsucht, dem Unendlichen, dessen Sinnbild Kosmos heisst, bestrebend derbei vergewissernd sich zu nähern. Obendrein verdeutlicht dieses unendliche Streben ins Ungewisse unsere Eigenart, uns nie mit dem Gegebenem und Erreichtem zufriedenzustellen. Hier bricht die Sehnsucht nach dem unbeschwerten Kindsein mit unsrer Tradition.
Wer sich nämlich zurücksehnt, möglicherweise die Kindheit nostalgisiert, ist meines Erachtens für den Überlebenskampf Erwachsensein nicht gerüstet. Ansonsten würde er ja nicht flüchten, seine Individualität mit kindlichen Überlieferungen mauern. Er trotzt den Regeln des Lebens. Lebensfeindlich sind Dinge, die erstarrt sind, lebensfreundlich sind jene, die aufgelockert sind. Wenn der erwachsene Mensch sich statt anzupassen und weiterzuentwickeln in kindliche Verhaltensmustern zwängt, verneint er den natürlichen Werdegang des Lebens, welches stets adaptiert, moduliert und evolviert.
Perspektivensammler
Winzige Perspektiven, kleinliche Ideen, deren Kraft und Begeisterung das Leben zu erneuern vermögen, sind eingesammelt unheimlich wirkungsvoll. Vereinzelt verdämmern sie unerhört und besolden ihre Bedeutlosigkeit. Vereint, deswegen gestärkt fruchten Lebenshoffnungen, sie könnten verwirklicht werden.
Also ist der Entschluss meines Umfeldes naheliegend, Ideen, Gedanken und Visionen zu bündeln, zusammenzufassen, damit wir sie daraufhin unter einem Dach, welches als Marke firmiert, am Irrsinn Wirtschaft feilbieten können. Selbstredend verrate ich euch nicht, wessen und welche Ideen wir im geheimen ausbrüten.
Soviel plaudere ich aber aus: gesetzt ist das Ziel, die Wirtschaft mittels Subversivität und ihren eigenen Methoden zu unterwandern. Wahrhaft idealistisch, verträumt und jugendlich!
Machtlose, beeinflussbare und ohnmächtige Medien
Althergebrachte Medien, deren Konkurrenz-Dünkel ihre Eigenständigkeit aushöhlt, verschulden selber, dass sogenannte «Wahnsinnige» oder gewiefte PR-Taktiker sie zunehmend unterwandern. Denn heutzutage sind nicht die Massen, nein, sondern umgekehrt, die althergebrachten Medien beeinflussbar und – weitaus bedenklicher – bestechlich. Anstelle der Täter- folgt nun die Opferrolle.
Die NZZ rüttelt den Journalismus auf, die eigene Macht anzuerkennen. Dennoch erfolglos, die althergebrachten Medien sind die einzigen Medien, die sich selber entweder aus Not oder aus Leidenschaft masslos überschätzen, zur überständischen Gewalt mit Blutrecht erheben. Dem zweifelhaften Selbstverständnis der Medien zugrunde urteilen die althergebrachten Medien über Themen, richten über Köpfe und insgesamt alles mit Absicht, rückwirkend darüber berichten zu können.
Nein, die Medien sind nicht mächtig. Zwar preisen die althergebrachten Medien sich als Täter, trotzdem ruht dieses Selbstverständnis mehr in Dichtung als in Wahrheit. Monoton wiederholen sie derweil, wessen und welche Verantwortung sie freiwillig tragen. Letztendlich jedoch heucheln sie nur, spielen Mitgefühl und Verantwortung vor, währenddessen sie, freilich der Konkurrenz sich anpassend, den Kanon des alltäglichen Wahnsinns mitträllern.
Nichtsdestotrotz behauptet die NZZ:
«Die Medien haben durchaus Handlungsspielraum. Zumindest im Informationsbereich sollten sich die Medienhäuser grenzüberschreitend auf eine Selbstverpflichtung einigen können. Gemäss dieser dürften keine Videos von Amokläufern, Geiselnehmern und Terroristen verbreitet werden, auch nicht in Ausschnitten.»
Niedlich. Dergestalt Sonntagspredigt erklärt nur die Ohnmacht der althergebrachten Medien; den Zeitgeist auszutricksen, die kapitalistischen Gesetzen auszuhebeln und die schwindende Vormachtstellung als Leitmedium zu bewahren. Am Ende müssen die Medien ihre Bilanzen nicht der Allgemeinheit sondern den Aktionären vorzeigen. Obschon derartige Moral sich kurzfristig gut verkauft, wird sie als falsche mittelfristig enttarnt. Die althergebrachten Medien haben überhaupt keinen Handlungsspielraum, mehr denn je schuften sie als Sklaven ihrer selbst, ihrer selbst auferlegten Zwängen, ihres eigenen Systems.
Sexuelle Besessenheit
Natürlich stören mich sexuelle Obsessionen, vornehmlich jene, die Sexualität als Lebenssinn zu erheben, demnach alles diesem Sinn zu unterordnen. Ich kann ja redlich nachvollziehen, dass der Sexualtrieb ohnegleichen bemerkenswert der intensivste und mächtigste ist, dennoch fordere ich, den Sexualtrieb geringfügig zu mässigen, sich ein bisschen halt zu zivilisieren. Würden die Menschen, die die Sexualität freimütig ausleben, sich wenigstens artgemäss vermehren, äusserte ich keine Bedenken. Aber Sexualität nur deswegen zu praktizieren, weil das Leben einen langweilt und verödet, erachte ich als fahrlässig und verantwortungslos, wenngleich dergestalt Hedonismus allerorts aufkeimt. Mein Gott, entweder Zivilisation oder Barbarei.
Kultur und Zivilisation
Anregt durch die Lektüre Oswald Spenglers, möchte ich nun erläutern, in wessen Entwicklungsstadium unsere Kultur sich befindet. Eine Kultur lebt, atmet, stört, entwickelt und schreitet voran. Unsere Kultur greift, strebt, wünscht und verwirklicht, dehnt sich zudem aus, erobert. Noch der Erste Weltkrieg wurde mithin als Kulturkrieg geführt. Die Deutschen verteidigten nicht nur ihren Lebensraum, sondern ebenso Goethe, Schiller und Kant. Dasselbe Selbstverständnis traf man selbstverständlich auch auf der Gegenseite an. Eins waren ihnen alle, dass sie die Überlegenheit ihrer Kultur zu fühlen glaubten, freilich ungeachtet dessen, dass vormals deren Kulturen eng miteinander verknüpft waren, denn bevor man Nationalsprachen erfand, kommunizierte das gelehrte Volk Europas lateinisch, deswegen vereinigte die vornationale gebildete Gesellschaft Europas eine ganzeinheitliche Europagesellschaft.
Unterdessen wandelte sich unsere Kultur. Die im 19. Jahrhundert herausgerufene Zivilisation verkündete lautlos das Ende unsrer Kultur. Fortan rühmen wir uns als Zivilisation, die mit zivilisatorischem Eifer die Barbaren zu zivilisieren strebt. Das antike Griechenland erschuf Kultur, das antike Rom hingegen zivilisierte die Kultur, setzte demgemäss die Kultur ab und entwarf ein bis dahin beispielloses Nützlichkeitsdenken. Krumm gezeichnet ist demnach die historische Parallele nicht, dass das alte Europa Kultur kreierte, welche die Neue Welt aufsog und als Zivilisation ausschied, wiederum zurück nach Europa exportierte. Der Vergleich also, dessen Ursprung im Gegensatz Rom und Griechenland ruht, vereinfacht die Beziehungen zwischen den USA und Europa und sollte überdies den kulturverdrossenen Europäer trösten.
Die eurozentrische kulturelle Arroganz allerdings gestand bislang nicht, dass in Europa die Kultur ebenso verschwand, der Zivilisation wich. Die Zivilisation ist nicht Kultur, sondern die Zivilisation ist Nützlichkeit, Tatsachensinn, Pragmatismus. Derlei Werte ergriffen uns, wir sind in diesem Sinne nicht mehr oder waren vermutlich nie besser gestellt als die Neue Welt, dem zivilisatorischen Amerika überlegen. Im Gegenteil. Wir trotten gemeinsam mit den USA im Morast der Zivilisation. Deswegen, weil die Zivilisation Kultur erstarrt, einfriert, in Museen historisierend ablagert, nach Bedarf als kitschige Ware verfeinert, versinnbildlichen wir auch keine freie Geister mehr, sondern degradierten uns zu Sklaven unsrer Zivilisation, unsrer Maschinen und unsres Nützlichkeitsdenkens.
Jugendliche nach der Entdeckung des ersten erdähnlichen Planeten
Ich liebe die zeitgemässe Jugend, frei- und hochmütig zugleich, wiedem zynisch und abgehärtet beargwöhnen sie das Weltgeschehen. Meistens gesellen sie sich in Foren, dem Stammtisch für alle, die Ausgang mit Fleischmarkt verwechseln. Bekanntlich wurde der erste erdähnliche Planet entdeckt, oder wie Anhänger des Star-Trek Evangeliums verlautbaren würden, der erste Planet der Klasse M. Die schweizerische Jugend reagiert umgehend. Ich sammle nun einige Reaktionen.
«BlowJo» (18) nörgelte:
«voll förig…brengts e ned….»
Tarnt er mit dieser Aussage seinen latenten Pessimismus, was die Zukunft der Menschheit betrifft?
«dani_california» (18) sicherte sich ab:
«stoht em bleck… dorom haudi ned so vill dervooo… ich chan au em bleck alüde, säge han en neui alien-art entdeckt! denne schdohd mi brechd dede… sell zerschd moll neume anders stoooh..»
Der Fund wurde von höchst offizieller Stelle bestätigt und ist ausnahmsweise keine Erfindung des Blicks.
«mEs_QuE_uN_cLuB» (19) realisierte:
«voll edel….wedr öpis wo dmönshheit chan kapott mache..!
wenn dmönshheit dörthe umgsiedlet wird….d’übershrift i allne Media: ‹Die Plage zieht weiter›»
Der Mensch als Parasit, eine jahrhundertealte Vorstellung, die aber ungewollt aufgrund des spürbaren Klimawandels wieder aufflammt.
«saaaale» (16) ist kindlich begeistert:
«Cool, alle 13 Tage Geburtstag»
Tatsächlich, auf diesem einen Planeten können wir unseren Kalender getrost vergessen und gleichsam den Begriff Zeit neu erfinden.
«DaDave» (21) trauert bereits jetzt:
«Die arme Indianer uf dere neue Erde. :(»
Hoffen wir, dass wir weiterhin entdecken, als Entdecker erobern, und nicht entdeckt, also erobert werden.
«*Sunshine_Lily*» (19) bedenkt:
«Schade. Jetzt bringt der Spruch ‹Ihr geht mit der Erde um, als hättet ihr eine zweite im Keller› nicht mehr viel…»
Wahrhaft. Beschämend, wenn der Mensch als Parasit weiterzieht, Ressourcen ausbeutet, gleicht er jener düsteren Spezies von Ausserirdischen, die uns im Kino bedrohen und uns eigentlich aufrütteln, also gegenüber der Umwelt sensibilisieren sollten.
Ich stoppe.