Beschränkte Auslandsnachrichten

Ich beklage, dass die Auslandsnachrichten seit Jahren sich lediglich auf die beiden Dauerbrenner beschränken: nämlich den Nahost-Konflikt und das Scheitern des Westens im Irak sowie in Afghanistan. Ich weiss ja deswegen nicht, was beispielsweise in Afrika sich ereigne. Allerdings kann ich entschieden behaupten, dass dort sicherlich Gleichwertiges wenn nicht gleich Mehrwertiges geschähe, würden wir darüber informiert werden. Weil wir nicht darüber unterrichtet werden, müssen wir mutmassen oder mithilfe des Internets unsre eigenen Quellen dazu entdecken.

Nun darf man fragen, weshalb die beiden Dauerbrennen dermassen unverschämt überbewertet werden. Im zweiten Fall, nämlich das voyeuristische, wohlgemerkt aus einem bequemen Fensterplatz, Beobachten und Spötteln unsres Scheiterns im Irak und in Afghanistan, darf man werweissen, ob in dieser allzu pessimistischen Erwartungshaltung nicht etwa eine latente Lust der Selbstzerstörung, eine Sehnsucht nach dem Untergang sich verbirgt. Denn erinnert man sich zurück an Zeiten, deren Kriegslust offen verständigt und gepriesen wurde, konnte kein Medium sich erlauben, die eigenen Soldaten als Verbrecher zu beschimpfen.

Im ersten Fall, nämlich die ermüdende Bespitzelung des ewig dauernden Nahost-Konflikts, darf man freimütig sich vergewissern, dass dieser Konflikt nur deswegen sich derart gut verkauft, weil er durch und durch emotionalisiert ist. Denn die Juden bürgten seit Jahrtausenden als Feindbild der ersten Güte, die neuerdings von den Moslems abgelöst wurden. Zudem, weil der Nahost-Konflikt tendenziell religiös motiviert ist, verspricht er Aufmerksamkeit und Relevanz auch hierzulande, denn Religion ist etwas – wohlgemerkt fälschlicherweise: Religion gehöre eigentlich ins Schlafzimmer verbannt -, was uns alle beschäftigt; entweder aufwühlt oder begeistert.

Powerbook G4 daheim

Seit neustem nenne ich einen Powerbook G4 eigen. Ich erbte ihn von einer Kollegin, die wiederum einen neueren aus ihrer Familie erstand, weil die Familie selber einen noch neueren anschaffte. Nun zähle ich zwei Laptops. Der eine ist ein alter Toshiba 610CT, welcher mit einem Pentium 90 getaktet ist. Ihm gönnte ich ein rudimentäres Linux sinnigerweise namens Delilinux. Dieses Linux ist dermassen schlank aufgebaut und schont Ressourcen, dass flüssiges Arbeiten jederzeit möglich ist. Ich benutze ihn hauptsächlich, wegen seines robusten Gehäuses, für den Aussendienst entweder während Vorlesungen oder während Geschäftsbesprechungen an der Alten Aare in Olten, um das Besprochene protokollieren zu können. Daheim gebrauche ihn als bedingt mobilen, dennoch leistungsfähigen MP3-Player.

Der andere Laptop, der neue alte Powerbook, läuft seit gestern Abend mit Xubuntu. Xubuntu deshalb, weil ich KDE und GNOME verabscheue. Früher liebäugelte ich zwar noch mit GNOME, denn GNOME bewirtschaftete einen Computer wesentlicher nachhaltiger als KDE oder Windows. Heutzutage hingegen mutierte ebenso GNOME zu einem aufgeblähten Monster, dessen Ressourcenhunger meine Hardware nicht zu stillen vermag. Dieser Laptop wird, sobald ich in mein neues Zimmer ziehe, als schmuckes Email-, Chat-, Text- und Web-Terminal fungieren, vielleicht sogar, weil seine Leistung die meines bisherigen Arbeitsplatzes übertrifft, mein derzeit allzu lahmes Büroterminal ausrangieren.

Hinweis: Alle meine Computer basieren auf Linux. Ein relativ moderner Computer dient als Server, serviert Anwendungen und Speicherplatz. Die Klienten verfügen nur über einen X-Server, der die grafische Darstellung steuert, die grafischen Anwendungen jedoch werden vom Server selber berechnet.

Selbstmord der Zivilisation

Ich bezeichne mich ja gern als empfindlich. Sodann folgt, dass ich gelegentlich empfinde, unsere Zivilisation nahe dem Selbstmord; der Selbstzerstörung, aber nicht wegen eines baldigen Krieges, sondern wesentlich wegen dem menschlichen Innenleben. In den entleerten und ausgehöhlten Seelen, die kurzschliessen mit der deregulierten und chaosartigen, von Ordnung entrümpelten Welt, entwickelt sich diese Lust der Selbstzerstörung, die sich ausdrückt in der Orientierungs- sowie Wertlosigkeit einer Epoche; wiederum auswirkt auf charakterlose Neubauten und den Verlust des geschichtlichen wie vorwärtsgerichteten Bewusstseins verursacht.

Ich kann das, was ich empfinde und insgeheim befürchte, prophetisch schwarzmale, nicht klärend verständigen. Lediglich gewiss scheint mir, dass die Lust der Selbstzerstörung tief vergraben liegt in der Einstellung der Masse, der Mensch sei schlecht und ein Mängelwesen, woraufhin auch nicht überrascht, dass die gedemütigte und unterwürfige Erwartungshaltung des Menschen regelrecht um eine – vermutlich von Gott gewollte – Strafe fleht. Symbolisch ist derlei wiedererkennbar insofern, als des Menschen Unbehagen mit der Zivilisation der Mensch wiederum lediglich symbolisch bekunden kann vermittels der Ohnmacht und Verwirrung.

Die Wirtschaftsdarwinisten beispielsweise jagen den Staat, sie sehnen sich geradewegs nach einem omnipotenten Staat, der nach ihren Seelen greift. Doch der Staat ist aufgelöst, abgeschafft und entledigt; zahn- wie machtlos, schabt nur noch an der Oberfläche. Wirkliche Politik entwirft die Wirtschaft, diese ist allem erhaben. Der Staat inzwischen verlottert wegen seiner Unorganisation, wird eingemottet in wüster Technokratie. In diesem Sinne ist der Widerstand der Wirtschaftsdarwinisten gegen einen imaginären Staat, der hilflos um Einkommen bittet, lediglich symbolisch.

Aber auch der symbolische Terrorismus ist nicht politisch, beabsichtigt nicht einen politischen Plan zu verwirklichen, geschweige, er könne die Zivilisation verwirren und verunsichern, weder-noch, denn die Zivilisation ist ohnehin erschüttert, brüchig und verletzlich, bishin tief selbstverletzt, schlichtweg vergessen. Nur noch die Hülle schützt unsere Zivilisation, die der Terrorismus symbolisch kratzt zum Wohle deren, die daran verdienen.

Hm, ich sollte nun arbeiten, mich ablenken von dergestalt Dinge.

Tote Kultur

Jean Baudrillard würdige ich als einer der wenigen Denker, den ich auch offenkundig zitiere, nicht nur dessen Gedanken entwende und in mein Gebilde einspeisen lasse, sondern eben höflich mich bedanke, indem ich auf ihn verweise.

«Jede Kultur, die sich universalisiert, verliert ihre Singularität und stirbt.»

Jede Kultur, die sich universalisiert, entpuppt sich als weltweit ausdehnende Zivilisation, welche daraufhin Kultur verdrängt, deswegen Singularität abschafft und infolgedessen wahrhaft stirbt, endet als leere Hülle, deren Aufgabe fortan besteht, die Hülle zu verzieren, um abzulenken, dass sie völlig ausgehöhlt, entkernt ist.

Belehrende Schule

Bisweilen massregelt die Schule mein freies Denken. Ich bin hierzu ihr verpflichtet, Dankbarkeit zu zollen, denn würde die Schule nicht meine Autorität untergraben, mich gegebenenfalls belehren und mich gleichsam von Irrtümer befreien, wäre meine Selbstbezogen, die ins Unermessliche steigt und im Grössenwahn endet, weitaus bedrohlicher ausgeprägt als sie derzeit nur scheinbar ausläuft. Deswegen bin ich jedem und allem dankbar, das und was mich kritisiert und auch unhöflich prellt.

Überlebenskampf der Zivilisation

Nein, ich glaube nicht, dass tatsächlich ein Kampf der Kulturen stattfindet. Denn ich will beweisen, dass unsere Zivilisation die Kultur restlos umschloss. Deswegen lebt keine Kultur mehr, wie man sie bislang kannte. Gleichgültig empfinde ich, wie unsere Zivilisation alle Kulturen auffrisst, einverleibt und die Kulturindustrie, die nun anstelle echter Kultur massentaugliche und mehrheitsfähige industriell und wirtschaftlich produziert, sich ausdehnt.

Trotzdem spüre ich, dass der Widerstand wächst. Vor allem in Länder, deren historisches Bewusstsein lange Zeit verbot, mit Barbaren wir unsereiner zu handeln. Man bedenke doch, dass während des Dreissigjährigen Kriegs die Gesandten der Engländer in Konstantinopel die Osmanen flehend baten, für ihre Sache Partei zu ergreifen, woraufhin der Sultan selbstverständlich nur Ekel, Abscheu und Desinteresse für die inneren Angelegenheiten der ihn unbedeutenden Anrainerstaaten zeigte, derweil er ein Weltreich von Marokko bis Indien regieren musste.

Der Widerstand, der unaufhörlich sich verbreitet, betrifft nicht unsere Kultur, denn wir besitzen schlichtweg keine, sondern er betrifft unsere Zivilisation, unser Nützlichkeitsdenken, unsren Pragmatismus. Dies ist das Ziel des symbolischen Widerstands beispielsweise aus dem arabischen Raum. Mittlerweile häuft sich gar in China Widerstand gegen unsere berufene Deutungshoheit beispielsweise über die Menschenrechten. Denn wir erklären, bisweilen drängen den Chinesen unsere Vorstellung von Menschenrechten auf, unterdessen sie natürlich aus ihrem Selbstverständnis als ehemals von Gott auserwählte Kulturnation heraus Menschenrechte anders interpretieren.

Kulturen kämpfen heute nicht. Die Länder, die einen Verlust fürchten, sträuben sich natürlich gegen die totale Eingliederung ins wirtschaftliche System des Westens, welches wahrhaft Opfer abverlangt. Sie mucken kurzweilig auf, aber der Widerstand erlischt sobald, als die Verheissungen, das sogenannte Serum des Kapitalismus, das jedem Gewinner gegönnt wird beispielsweise in Form von luxuriösen Autos, Frauen mit Brustimplantaten oder McDonalds Kost, die Bevölkerung verführt, bishin entkräftet und verdriesst. Also bekämpft nur die Zivilisation sich mit ihren Widersachern, die der Zivilisation Entseelung und Entmenschlichung vorwerfen.

Die Überheblichkeit der Technologie

Die Technologie vervollkommnt der Mensch, macht ihn Gott ebenbürtig, korrigiert und verbessert naturgemässe Mängel des Menschen. Deshalb haben wir nur der Technologie zu verdanken, dass wir überhaupt auf dem rauen und natürlich zutiefst bedrohlichen Planeten Erde überleben, bishin ihn total vermenschlichen, vollständig besiedeln und skrupellos ausbeuten konnten.

Jeder, der eine neue Technologie erfand, glaubt ungezügelt an deren Macht, an deren Überlegenheit. Er glaubt sich dem Bisherigen überlegen, empfindet gleichsam, dass das, was anhin gebraucht wurde, nun nutzlos und veraltet sei. Dies Selbstverständnis stärkt die Kraft der Befürworter jegwelcher Technologie. Und so beispielsweise fühlen wir uns, wir Eingeweihten in die Web2-Technik, dem Rest der Bevölkerung überlegen, folglich informierter und besser gerüstet für eine Zukunft, die laut unsren Forderungen in diesem Beispiel ebendies Web ist.

Oftmals täuscht diese Überlegenheit, sie vernebelt unsere Sinne, macht uns blind und taub gegenüber Kritik; wir mauern letztlich ein unerschütterliches Dogma. Denn manchmal irrt auch die Technik; verrechnet sich, kalkuliert falsch, beweist in naher Zukunft sich gar als Fehlentwicklung. Trotzdem wird an die Technologie geglaubt, weil sie das einzige Werkzeug und Hilfsmittel ist; welches wir selber erzeugen, produzieren können, welches wir zumindest teilweise überblicken und beherrschen können, welches unsren Interessen bedingungslos sich unterordnet.

Sozusagen verlängert die Technologie unsere Möglichkeiten, erweitert diese und ergänzt den Menschen; stattet ihn mit neuen Funktionen und ebendiesen Möglichkeiten aus. Sie stählert den Menschen gleichermassen, sie letztendlich erzündet neue Möglichkeiten, weil nur sie die menschlichen Unzulänglichkeiten beseitigt, den Menschen zudem entmenschlicht, einschleicht sich als Glaube, den Menschen zu bessern, tatsächlich den Menschen entseelt, als Werkzeug der Technologie dessen Menschsein verkürzt.

Weiterführende Informationen
DER DISSIDENT: «Technikverliebtheit und ihre Folgen»
DER DISSIDENT: «Der Mensch als Mängelwesen»
DER DISSIDENT: «Mensch, Maschine und Gott»
DER VERWERTER: «Der Westen als Borg»

«Pornifizierung der Welt»

Normalerweise verlinke ich Das Magazin nicht, vor allem nicht, wenn der Artikel Finn Canonicas Urheberschaft ist, mit dem ich eine langjährige Beziehung unterhalte, denn er verkörpert all das, was ich verachte. Doch heute beausnahme ich meine eigene Regel. Ich möchte hierzu hinweisen auf ein Interview mit Ariadne von Schirach, die die «Pornifizierung der Welt» meines Erachtens zurecht beklagt.

Sexualmoral ist Herrschaftsmoral

Wer über die Sexualmoral bestimmt, bestimmt ebenfalls die eigentliche Moral, welche wiederum das Zusammenleben der Menschen regelt. Deshalb regiert ein Staat unmittelbar und volksnah auch, indem er den Bürger vorschreibt, wie er zu vermehren sich hätte. Ansonsten vermehren die Menschen sich solange, bis die natürlichen Ressourcen als Voraussetzung für die menschliche Fruchtbarkeit restlos ausgebeutet sind. Deswegen ist jeder Staat, der ohnehin den Bürger misstraut, interessiert, zu befehligen; wie der Mensch seine Sexualität handhaben dürfe.

Falls Bürger gegen eine empfundene überkommene Sexualmoral protestieren, protestieren sie gegen den Staat insgesamt. Denn ein Staat, der die Sexualität der Menschen beherrscht, ist auch ein Staat, der die Menschen totalitär beherrschen will. Aber falls die Sexualmoral bröckelt, ist auch der Staat geschlagen. Was wir gegenwärtig beobachten, ist, dass die Sexualmoral abgeschafft wurde – und zwar konsequent bishin ohne Ausnahmen. Die Sexualmoral, verknüpft mit dem steifen Mief eines Vor-68er-*ismus, gilt als etwas, was wir überholten, als eben veraltet. Was bedeutet das nun für den Staat?

Arbeitsmoral der Schweizer

Der schweizerische Föderalismus und natürlich die dazugehörige direkte Demokratie gewährleisten die hohe Produktivität und die preussische Arbeitsmoral der Schweizer. Obschon beide Instrumente staatlicher Ordnung eigentlich politische Prozesse verlangsamen, mithin erschweren und manchmal gar verunmöglichen, sind sie eben eine glaubhaft vermittelte Illusion für die funktionierenden Ameisen im Mittelland, dem eigentlich einen wirtschaftlichen Motor der Schweiz, sodass die lediglich für Gott und AHV arbeitenden Unterschichten ihre Selbstaufopferung wie -ausbeutung weiterhin widerstandslos erduldet. Die Illusion verkauft, dass der normale Arbeiter nicht einfach eine unbedeutende Ameise versinnbildlicht, sondern im Gegenteil aktiv mitentscheiden kann, was entweder in Bern oder in seiner unmittelbaren Nachbarschaft geschieht. Dies beruhigt, besänftigt den Arbeiter.

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