Wer mich öfters liest, weiss, dass ich die neue Eugenetik verabscheue, weil der Mensch meines Erachtens kein Mängelwesen ist, trotz der penetranten Werbung, die mir täglich versichert, ich sei unzureichend, minderwertig und erfolglos, würde ich nicht entsprechende Produkte konsumieren.
Dass man Behinderte, Kranke und Unzurechnungsfähige sterilisiert, ist moralisch einigermassen mehrheitsfähig. Aber dass man genetisch eine Herrenrasse züchtet, die eine unterentwickelte Arbeiterklasse beherrscht, wie bereits heute teilweise verwirklicht mir scheint, und sodurch den Traum eines Übermenschen vulgärer Perfektion bewahrheitet, muss ethisch und moralisch zuerst ausgehandelt werden.
Aber, meines Pessimismus sicher, solange der Leistungsdruck anhält, werden alsbald derartige Überlegungen vermutlich mehrheitsfähig, und solange der Mensch sich funktionell, aber nicht geistig, verbessern muss, liegen die Phantasien ihrer Verwirklichung nahe.
Adorno reflektiert aus einem beschädigen Leben:
«Key people. – Der Typus des Wichtigmachers, der nur dann etwas zu sein glaubt, wenn er bestätigt wird von der Rolle, die er in Kollektiven spielt, die keine sind, da sie ja bloss um der eigenen Kollektivität willen existieren; der Deputierte mit der Armbinde, der ergriffene Festredner, der den Schlussteil seiner mit gesundem Humor gewürzten Rede durch ein ‹Möge› einleitet, die Wohltätigkeitshyäne und der Professor, der von einem Kongress zum anderen eilt – sie alle reizten ehemals als naiv, provinziell und kleinbürgerlich zum Lachen.»
Uns sind dergestalt «Menschen» bekannt, deren Bestätigung durchs Kollektive getätigt wird. Dies gesellschaftliche Leben, das einheitlich dem Erwerbssinn dient, durchführt wiederkehrend dasselbe Spektakel, in dem jedermanns Rolle bedeutet, aufzufallen, sei`s der Aufmerksamkeit wegen, weil wer nicht mitspielt, macht sich automatisch verdächtig.
Wer aufwächst inmitten einer Zivilisation, von der ausschliesslich Hülle und Fassade glitzert, vergleicht alsbald das Selbstbildnis mit demjenigen, das von Medien und Werbung als erstrebenswertes idealisiert wird. Der Mensch, will man wahrhaben, sei mangelhaft. Selbst «natürliche Schönheit», die die Kosmetikbranche neuerdings heuchlerisch propagiert, bewahrheitet sich nur, insofern man entsprechende Produkte konsumiert.
Wir sind künstlich; beschmieren unsren Körper mit Cremen und Salben, verschönern unsere Geschlechtsorgane, blähen unsren Busen auf und inhalieren Betäubungsmittel, damit wir den Konkurrenzkampf namens Wirtschaftsdarwinismus überhaupt verkraften können. Unterdrückt von Leistungen, überfordert von Erwartungen, mutieren wir nunmehr zu Roboter, deren Funktionalität jährlich optimiert werden muss mithilfe «Weiterbildung», «Operationen» und «Revisionen».
Von Mensch und Natur gleichermassen entfremdet, ähneln wir mitunter dem Borg-Kollektiv, das, totalitär vereinheitlicht, äusserlich genormt, innerlich gleichgeschaltet, die Welt ausbeutet solange, bis sämtliche Ressourcen erschöpft sind.
Angesichts einer Diskussion zitiert:
«Doch in der Bewegung des 20. Juli 1944 war das Wichtigste gar nicht die Vorstellung, Hitler zu beseitigen, den von Deutschen verursachten, verbrecherischen Krieg abzubrechen und die möglichst besten Bedingungen für Deutschland zu bekommen. Die Verschwörer wussten ja, dass die Alliierten auf einer bedingungslosen Kapitulation bestehen. Nein, es ging darum, der Welt zu zeigen, dass es auch ein anderes Deutschland gibt.»
Korrekt, denn obwohl Deutschlands Tradition Politik und Kultur zu trennen eiferte, verschmolzen dazumal Politik und Kultur, freilich ganz im Sinne eines totalitären Staates, was hiesse sodann, alles Deutsche sei nationalsozialistisch. Der Widerstand wollte demnach symbolisieren, dass die Totalität des Reiches lediglich ein von Hitler bewirkter Schein war.
Selten motze ich, vielmehr blicke ich gelassen entgegen, was Schauerliches mir alles sich wiederkehrend offenbart. Nun jedoch, angesichts weiterer Niederungen, muss ich endgültig toben: Ein Blatt, editiert vom Zehnder-Verlag, namens Neue Oltner Zeitung, abgekürzt NOZ, peinigt mich – so sehr, dass ich den Missmut seit Jahren bereits unterdrücken musste und ihn jetzt letztlich entlade, wenngleich unkontrolliert und überschäumend.
Dies Gratis-Blatt, das wöchentlich, genauer, mittwochs ins Daheim flattert, natürlich ungefragt, bläut mir erneut ein, wohinab eine Zeitung stürzen kann, falls einige Dilettanten, nein, das wäre eine aufwertende Beschönigung des Urteils, kurzum also: falls einige Stümper, wahrhaft, die dauernd sudeln und stümpern, eine Zeitung herausgeben, und dadurch nunmehr den kompletten Journalismus verausgaben.
Normalerweise kritisiert man eine Zeitung rechtens, weil sie redaktionellen mit finanziertem Inhalt bedenkenlos vermischt, wohlgemerkt normalerweise, die NOZ allerdings begnadigt man diesbezüglich, denn diese Vermengung ist denkbar die einzige Kompetenz derer, die den eigenen publizistischen Ansprüchen nicht folgen können oder wollen. Nein, dass NOZ mitunter dem berühmten Ikea-Katalog gleicht, daran, solange Gleichmut mich sediert, hatte ich mich längst gewöhnt.
Nun, Köbeli, ein gealterter, längst von Alkohol gezeichneter und kahlköpfiger Junggeselle, fürwahr: kein Mann, denn ein Mann kann entweder fliegen, reiten, segeln oder possierlich elaborieren, amtet derzeit den Posten des Chefredakteurs, sozusagen jene verächtliche Gestalt also, die vorzugsweise in Oltens Kneipen herumtrollt, wodurch sämtliche Geschichten, gewiss die seinigen, mit Bier und Schnaps getränkt miefen.
Und dergestalt Wicht, O Gott erbarme, der obendrein sich einbildet, er könne mit Thomas Mann konkurrieren (freies Zitat), nur weil vereinzelte greise Witwen (meine Grossmutter unter anderem) ihn für seinen «Sprachwitz» bewundern, will Journalismus verkörpern. Nun denn, Journalismus kennt Lokaljournalismus, doch Köbeli, ambitioniert wie stets, schändet höchstens Quartierjournalismus, tiefer wohl kann Journalismus gar nicht mehr fallen.
Die einzigen Beiträge dieser «Zeitung», die das Prädikat lesenswert mehr oder weniger verdienten, sind diejenigen, welche vom Verlag selbst verfasst wurden, nimmer jedoch die «eigenen Leistungen» der Lokalredaktion Oltens, die einst titelte, «Olten lebe», und dies mit einer in der Altstadt herumstreuenden Katze rechtfertigte: Katzeninhalt für die Katz, nicht wahr?, oder drei Wochen darüber informierte, dass der Hund eines namenlosen Randständigen urplötzlich verstarb. Oje, ich entarte, ich bremse, Gott verzeihe mir.
Eine Religion regelt das Zusammenleben der Menschen. Sie standardisiert Moral und Sitte, die für jedermann verbindlich fortan gelten, denn eine Gesellschaft, der Moral und Sitte mangelt, zerfällt. Also will ich fragen, ob eine Religion überhaupt einen Staat bräuchte, der dasselbe diktiert, theoretisch zumindest, dieselben Moral und Sitte proklamiert wie die Kirche?
Momentan, muss ich gestehen, habe ich noch nicht genügend Energiereserven angesammelt, fürdass ich mich fortpflanzen könnte. Denn wer sich vermehren will, muss sich zuerst absichern, ins Menschenreich übersetzt, heisst das, finanziert sein soweit, dass eine Familie ernährt werden könnte. Derzeit überfordert mich bisweilen selbst meine eigene Ernährung, meine Familie deshalb müsste gegenwärtig verhungern.
Zeitgemässe Weiber, die in Weltstädten schlittern und herumludern, wollen keinesfalls unabhängig sein, sondern höchstens «sexy» und schön. Einst erschütterte die Frauenbewegung des Mannes Lieblingsspielzeug namens Gesellschaft und Macht, nun deklassieren zeitgemässer Weiber freiwillig sich als «sexy Püppchen», deren einzige Macht vielmehr heisst, Männer anhand vorweg festgelegten Kriterien für den kurzfristigen Geschlechtsakt auszuwählen, denn fruchtbar, soviel Ehrlichkeit muss schämen, sind unsere Weiber sowieso nicht.
Unsere Fellachen verwildern. Die Entbarbarisierung mithilfe «Kultur» scheiterte, nachgerade zeitgemässe «Kultur», einst kollektive Psychohygiene, beschleunigt die Verwilderung der überschäumenden Massen. Wir Züchter, ob Klein- oder Grosstierzüchter, müssen umdenken, dringend einen Menschenpark errichten, der barbarische Menschen häuslich domestiziert. Dem Humanismus, gepaart mit «Kultur», misslang, die Massen, die wegen der Symptome der Moderne vollends ausbrechen, einzusperren in Tugend, Moral und Sittlichkeit.
;) Humangenetik?
Solange die wirtschaftliche Kategorie des Denken die dominierende ist, im weiteste Sinne den allgemeinen Verblendungszusammenhang einschaltet, ist des Menschen einzig selige Aufgabe, seine naturgemäss eingeschränkte Leistung kontiunierlich zu erhöhen; beispielsweise mittels «Hirn-Doping», Psychopharmaka zwecks Leistungssteigerung gesunder Menschen. Nun denn, ferner müssen wir befürchten, dass alsbald Unternehmungen gewisse Muster der Hirnaktivierung patentieren lassen, woraufhin jeder Gedanke lizenziert, also bezahlt werden müsste, der urheberrechtlich eine Unternehmung zuvor geschützt hat.
Quelle: Telepolis: «Revolutionieren die Neurowissenschaften die Gesellschaft?»
Seiten:
1
2
3
4
5
6
Nächste