Empörungswaren

Der Empörungsbedarf wächst, so lancieren kurzsichtige Unternehmer Waren, die pure Empörung symbolisieren, damit scheint nämlich allen verdeutlicht, dass man entsetzt und empört sei. Folglich ist dieser Teil der Kulturindustrie gegenwärtig der lukrativste, denn die Sehnsucht, gezielt durchschnittlich sich abzugrenzen vom Durchschnitt und die von Industrie vermarktete «Individualität» vorzustellen, ist genauso unendlich wie die menschliche Habgier.

Sehnsucht nach Wärme und Liebe

Der Mensch sehnt sich nach Wärme und Liebe, dementgegen propagiert die Gesellschaft bloss Kälte und Eigenliebe; denn wer die andren übersieht, daran sich bereichert, wird endlich genesen und Erfolg haben. Die Weihnachtszeit sollte die erfrorenen Menschen läutern und erwärmen; besinnen hinzu, dass jenseits aller Funktionalität und und fern aller Wirtschaftlichkeit humane Werte aufzunehmen bereit sind. Doch diese sind ausschliesslich als warenförmige aufgeputzt; so stresst und verschleisst die weihnachtliche Konsumschlacht etwaige Humanität. Die Kälte, das weltliche und geistige Elend des Menschen zu ignorieren, die jugendliche Coolness, um nicht gleich zu erkranken, und der rein wirtschaftliche Blick, alles Vorhandene, Lebendige in toten Nutzen und Gewinn zu verrechnen, sind als unumgängliche, unvermeidliche, ja als lebensnotwendige und existenzielle Werte gar im Bewusstsein aller verkittet.

Konsumierbarer Protest

Die Wertung «konsumierbar» entscheidet, entweder marktfähig oder nicht. Die Maxime, alles, das konsumierbar ist, zu verwerten, stoppt auch nicht vor dem Hässlichen und Grausamen, sobald das Elend denn konsumierbar ist, wird es «real» und «fassbar», darum muss jedes Elend zuerst konsumiert, ehe verstanden werden können.

So ist der singende, tanzende und konsumierende «Protest» der verwöhnten und verhäuslichten Junggesellen unsrer sogenannter Gesellschaft gegen alles, was unrecht und entfremdet scheint, bloss ein aufgeputzter, von Ursache, Zweck und Sinn losgelöster Konsum diverser «Protestwaren», deren Verzehr und gleichsam Verschleiss die Welt selten ändert.

Überdimensionierte schweizerische Armee

Nochmals: die schweizerische Armee ist überdimensioniert, dass ein etwaiger Landangriff, ja und zwar ein klassischer mit Heer und Panzerdivisionen, demnächst die Schweiz überrolle, ist so unwahrscheinlich wie Gottes Wiederauferstehung. Die Schweiz vergeudet Milliarden, nur um den Schein zu erwecken, als ob sie wehrfähig sei, dabei würden wir verweichlichten, degenerierten Spiessgesellen uns doch niemals opfern für eine «höhere Sache» wie jene des Heimatlands. Statt Bunker Militärtransporter und statt Panzer mobile Elitegruppen sind zukünftig erstrebenswerte Anschaffung, und falls die gelbe Gefahr dennoch übers bauschige Heim walzt, würde der jährliche Tribut, den wir dem europäischen Militärkomplex untertänigst überweisen, veranlassen, das unsrige Land zu verteidigen.

In öffentlichen Verkehrsmitteln telefonierende junge Mädchen

In öffentlichen Verkehrsmitteln telefonierende junge Mädchen bezwecken genau eines: sie wollen sich von der Aussenwelt schützen, denn, wohl verdrahtet mit ihren Liebsten, so können sie ihre Aufmerksamkeit verlagern, wohin keine Kräfte und Einflüsse die eigene Gewissheit stören. Man grenzt sich ab, will jedem verdeutlichen, man sei erstens wichtig und zweitens beschäftigt, die grössten Leistungsmerkmale wohlgemerkt.

Zerfall der schweizerischen nationalstaatlichen Souveränität

Immer wieder dasselbe, Spengler:

«Zu den ernsthaftesten Zeichen des Verfalls der Staatshoheit gehört die Tatsache, dass im Lauf des 19. Jahrhunderts der Eindruck herrschend geworden ist, die Wirtschaft sei wichtiger als die Politik. Unter den Leuten, die heute irgendwie den Entscheidungen nahe stehen, gibt es kaum einen, der das entschieden ablehnt. Man betrachtet die politische Macht nicht etwa nur als ein Element des öffentlichen Lebens, dessen erste, wenn nicht einzige Aufgabe es ist, der Wirtschaft zu dienen, sondern es wird erwartet, dass sie sich den Wünschen und Ansichten der Wirtschaft vollkommen füge, und zuletzt, dass sie von den Wirtschaftsführern kommandiert werde. Das ist denn auch in weitem Umfang geschehen, mit welchem Erfolg, lehrt die Geschichte dieser Zeit.»

Der Staat wird wohl kaum jemals wieder seine ursprüngliche Hoheit zurückerobern, das vollends deregulierte Kapital nämlich hürdete sämtliche Grenzen, mehr noch, es markiert selber neue Grenzen jenseits der Nationalstaaten und operiert dann in eigens festgesetzten geowirtschaftlichen, bis der Nationalstaat kapituliert, sich entweder auflöst oder in Föderationen gruppiert. Die Schweiz erwählt wohl den «Sonderweg», also den Zerfall nationalstaatlicher Souveränität, das übrige Europa hingegen schloss sich zusammen; die letzte Möglichkeit meines Erachtens, das Kapital zu zähmen.

Vom Falke zur Taube

Türkische Generäle mutieren plötzlich zu friedliebenden Tauben, so verwandelte auch die Gesinnung des amerikanischen Generals und späteren Präsidenten Eisenhower sich, dessen Abschiedsrede vor dem mittlerweile berühmten und gesellschaftlich verwachsenen «militärisch-industriellen Komplex» warnte. Es ist nicht zufällig, dass jene Generäle, die das Grauen des Krieges unmittelbar kennen, plötzlich gegen den Krieg stimmen, genauso wenig zufällig ist, dass Banker plötzlich den Kapitalismus kritisieren. Solchen Menschen, die vom Fach her stammen, bemesse ich höhere Glaubwürdigkeit als «eingewanderten» oder «eingeschleusten».

Das Image der Armee?

Heute in der NZZ am Sonntag hatte ich kurz gelesen, dass unsere Armee ihr Image zu verbessern strebt. Ach, sobald eine Armee sich «rechtfertigen» muss, ist sie ungerechtfertigt, so sollten wir unsere Armee entweder sinnvoll verwenden, will heissen, ins Ausland auslagern und ihr das Töten wieder unterrichten, oder halt gänzlich abschaffen. Alles andere jedoch ist lächerlich, denn als Feind des Westens würde ich unsere mangelnde Kampfmoral verhöhnen.

Aussterbende Studenten

Das studentische Proletariat, verfilzt in Weltstädten, ist eine aussterbende Gattung, da Wissen immer mehr demokratisiert scheint und die studentische Subkultur, einst Brut aller gesellschaftlicher Erneuerung und Verjüngung, zunehmend ins vergnügungssüchtige Attitüdenhafte abrutscht. Wer heute studiert, repräsentiert bestenfalls das Mittelmass der Mittelmässigkeit, aber keine aristokratische Elite mehr, deren Schwert die Schrift und deren Rüstung das Buch war.

So verwildern die Studenten; bereits die geschminkte Fassade der Studenten unterscheidet sich kaum mehr von jener der Lohnabhängigen, dies allein wäre aber noch unbedeutend, da bloss ein Produkt der Industrie, doch auch gedanklich nähern sich die beiden Gattungen an, immer mehr und immer überangepasster, und endlich, dass Lohnabhängige dank Berufsmatur studieren können und Werkstudenten vom Lohn abhängen müssen, verwischt die letzten Differenzen.

Die meinigen Forderungen bleiben die gleichen und selben: strengere Auslese, weniger Studenten und Ausgliederung wirtschaftsfreundlicher Fächer, mehr nicht.

Die gesellschaftlichen Anforderungen

Analysiert man das Befinden des Volks, so stöhnt dieses, dass die gesellschaftlichen Anforderungen stets steigen und zunehmend sich verschärfen. Erinnern wir: das Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft bedingt immer Normen. Bloss sprechen wir von «Gesellschaft», aber meinen insgeheim «Wirtschaft», das ist unsere Gesellschaft.

Der Markt, Hüter der Wirtschaft, regelt und ordnet das Zusammenleben; er handelt also jene Anforderungen aus, die das einfache Volk scheinbar überstrapazieren. Der Markt fordert schlichtweg qualifizierte, erfahrene, mobile, unternehmerisch denkende und jung gebliebene Arbeitskräfte, mehr nicht. Widerwillig, faul und bequem wie der Mensch so ist, hadert er mit den vermeintlich strengeren Anforderungen.

Er will nämlich leben, sein Leben nicht der Wirtschaft verkaufen, nicht dem Teufel aller Verführungen sich opfern, doch zu spät, beschlossen ist, dass die Wirtschaft die Gesellschaft ersetzt. Wer dem sich zu fügen weigert, wird ausgegrenzt, schlimmstenfalls eingewiesen. Statt protestantische Arbeitsmoral ersehnt der Mensch brasilianische Menschlichkeit; ein Verhängnis, denn die Wirtschaft benötigt keine lebensfrohe Menschen, sondern motivierte, engagierte, zufriedene und inspirierte Arbeitskräfte.

Die Gesellschaft, also die Wirtschaft spricht von «Selbstverwirklichung», meint aber scheinbar «Karriere». Das Gebot, Fleiss führe zu Erfolg, will sich bewahrheitet wissen, darum sind wir auch, oberflächlich zumindest, eine Wirtschaftsgesellschaft der Chancengleichheit. Selbstverständlich sind wir frei, das heisst, uns steht frei, mitzumachen, so uns selbst zu verwirklichen. Doch frei sind nur jene, die drinnen sind, die, die ausgesperrt sind mangels Einkommen oder Karriere, sind unfrei.

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