Als ich einmal einen sogenannten Kavalierskonservatismus frommte, spottete ein weitaus älterer Herr, ein in Spanien nun wohnhafter Pensionär, dass nicht die Zivilisation das grösste Übel sondern die Sesshaftigkeit das solche sei; dies, weil die Sesshaftigkeit, also der Übergang vom Jäger- zum Bauerntum, die menschliche Evolution degeneriere. Seitdem, beeindruckt ob solchem radikalen Konservatismus, der ins Grauenhafte absteigt und den meinigen aller Lächerlichkeit, da Oberflächlichkeit preisgab, bin ich befleissigt, einen ebensolchen, noch radikaleren und reaktionäreren zu entwerfen, der jedoch irgendwann endet und vollendet scheint im Geständnis, dass die gesamte menschliche Existenz ein Verhängnis sei.
Mein ehemaliger Kavalierskonservatismus
Der teuflische Künstler
Weltscheu ist dieser ersehnte und jener verborgene teuflische Künstler, und trotzdem des Gesinnungskosmopolitismus vereidigt. Er marschiert nicht im Gleichschritt mit der aufgedunsenen, bisweilen künstlerisch erschöpften Kunstszenerie Zürichs, die allabends an sogenannten «Hotspots» sich einfindet, wo man sich gegenseitig kitzelt und miteinander kuschelt. Er ist unheilbar erkrankt, ihn zu genesen verspricht alleinig, das Erlebte und Erdachte, das ihn belästigt und aufwühlt, sinngemäss auszudrücken, mitunter geheimtuerisch zu verschlüsseln, woraus seine Werke letztendlich entstehen, deren Wert er nicht für vermittelbar erachtet.
Er ist des Teufels Sohn, mitsamt Seele und Leibe ihm übergeben. Hiernach begleiten ihn Jahre voller Ekstase, Momente voller Hitze und Schaffenskraft, welche abgelöst werden von solchen der Melancholie und des zermürbenden Selbstzweifels, alsdann der Teufel je nach Gusto und Willkür derlei waltet. Und der Wunsch, Neues zu kreieren, nicht bloss Verfaultes wiederzukäuen, ist das einzige bestimmende Motiv, das einzige nennenswerte und bemerkenswerte eines solchen Künstlers, der berauscht ob des Teuflischen unermüdlich und selbstlos schafft und krampft.
Natürlich verlaust ein dergestalt Künstler abseits der Weltstädten, fern der eigentlichen Wirklichkeit, er verkümmert so regelrecht in Einsamkeit, womit desselben Kraft gespienen scheint. Die unendliche Einsamkeit, deren Begleiter und Vertrauter er sich heisst, gewährleistet ihm, dass er von gefährlichen und korrumpierenden Moden unberührt, unbefleckt sozusagen, sich wähnen darf; er bleibt folglich rein, gedanklich fixiert ans eine grosse Werk, das zu vollenden er genötigt sich glaubt. Von allerlei weltlichen Versuchungen befreit, ist er gleichwohl nicht zu lieben befähigt; lieblos und kalt ist das seine Leben entstellt.
Weltstadt-Zeitung
Obschon Spengler maulte, das Fehlen einer echten deutschen Hauptstadt mit entsprechendem Sendungsbewusstsein erschwere die Herausbildung einer gleichermassen weltstädtischen Zeitung, widerspricht die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die im Kern des deutschen Kapitals, nämlich in Frankfurt residiert, dem, besonders für uns kleinlichen Schweizer; da das Papierformat der FAZ hierzulande einen beinahe erdrückt und überwältigt. So muss eine Zeitung mit Weltgeltung sinnigerweise, nicht ausschliesslich, aber mehrheitlich mit Weltpolitik sich beschäftigen, und, gewiss dem ganz Grossen zugewandt, das Tagesgeschehen mittels voller Dramatik wie Tragik kommentieren, nicht bloss langweilige «Fakten» auftischen.
Überlebt
Geschafft, trotz kalter Witterung, trotz relativer Armut, ist endlich die mehrtägige Schlacht einiger Wollüstlinge, das kalte Fest, das lediglich alkoholisch gewissermassen Menschen erwärmt; nun scheint der Alltag mich wieder eingenommen; und so heissen Doktor Fausti Weheklagen das meinige Tagesprogramm mehr schlecht denn gut.
EU-Werbung
Ich will eine Rede meiner Lieblingskommissarin Benita Ferrero-Waldner kommentieren:
«Wir sind politisch an den Brandherden der Welt präsent, ob im Kosovo, im Libanon oder im Nahost-Friedensprozess. Wir stellen als grösste Wirtschaftsmacht mit nur acht Prozent der Weltbevölkerung ein Viertel des globalen BNP. Wir sind der weltweit grösster Geber von Wirtschaftshilfe und investieren damit in Frieden und Entwicklung, ob in Palästina, Afghanistan oder Afrika. Und wir sind eine Friedensmacht, mit mehr als 70.000 Soldaten im Einsatz – vom Kongo bis nach Indonesien.»
Ja das sind wir, fürwahr sind wir eine «Macht», nämlich eine Wirtschafts- und Friedensmacht, aber weder eine Militär- noch eine Kulturmacht, und mit Kultur meine ich nicht die untergegangene Hochkultur Europas, sondern die Popkultur, die alltäglich konsumiert wird.
«Die EU steht bei der Gestaltung der neuen Weltordnung ‹an vorderster Front›»
Recht so, ansonsten gäbe es keine «neue Weltordnung».
«Die EU wird damit weiterhin als ‹Leuchtturm› unsere Werte und Politiken ausstrahlen und so ein ‹Motor der Modernisierung› in der Nachbarschaft sein. Das heisst natürlich nicht, dass wir Reformen kurzfristig ‹exportieren› oder gar aufzwingen könnten. Demokratie und Marktwirtschaft werden nicht so schnell gemacht wie Instant-Kaffee! Wir können aber sehr wohl den langfristigen gesellschaftlichen Wandel unserer Partner unterstützen.»
Nichts aufzwingen? Bedauerlich, sollen wir stattdessen warten, bis die abtrünnigen Staaten ihre Märkte öffnen?
«Die EU importiert bereits heute 50% ihrer Energie, bis 2030 könnten es mehr als zwei Drittel sein. Diese deutliche Abhängigkeit bedarf einer klaren Antwort. Um unsere Versorgungssicherheit zu garantieren, braucht die EU daher erstens eine koordinierte ‹Energie-Aussenpolitik›, die wir schrittweise aufgebaut haben.
Wir arbeiten an der Diversifizierung unserer Quellen, Produzenten und Lieferrouten, gerade in Osteuropa, dem Kaukasus-Korridor und Zentralasien. Wir helfen bei der Vernetzung unserer Partner – etwa durch ein regionales Energieabkommen in unserer Nachbarschaft, das wir derzeit überlegen.
Und wir setzen auf Marktöffnung und Rechtssicherheit, die natürlich reziprok sein müssen. Stabile Energiemärkte sind im Interesse aller Beteiligten, der Produzenten und Konsumenten.»
Das ist instinktive und tatsächliche Weltpolitik, alles andere Geschwätz, besonders das, welches uns hierzulande beliebt, ist bloss provinziell. Interessant ist, wie die EU «Versorgungssicherheit» gewährt, nämlich indem sie fremde Märkte erobert und dort Rechtsstaatlichkeit durchsetzt, dementsprechend benötigen wir ebenfalls einen Irak.
«Der EU-Reformvertrag mag vielleicht kein Stück Weltliteratur sein. Aber er hilft uns, Weltpolitik zu machen.»
So ist es, statt Literatur Politik, statt Kunst Handel, das sind Dinge und Werte, die uns in einer besitzorientierten Welt weiterbringen.
Das unsrige Gründungsepos
Das unsrige Gründungsepos war das des Christentums, eines besitzlosen Märtyrers, der unsere Verfehlungen schulterte und daraufhin sich opferte; doch diese Erzählung scheint erschöpft, der Formenschatz geplündert und so hat die Zivilisation bis heute die Verwirklichung Christi Visionen und Utopien vertagt; trotzdem konsumieren wir in Bälde Christi Geburtstag, mittlerweile so wie jeder andere.
Satanisten und Gott
Gemeinhin rühmen Satanisten sich als «gottlos», bloss muss, wer den Satan huldigt, zugleich einen Gott anerkennen; denn die Hölle existiert nur gemeinsam mit dem Himmel, die beiden Jenseits lassen sich schlichtweg nicht trennen, sind enger miteinander verknüpft als uns mehrheitlich dünkt. Folglich fürchtet, wer die Hölle bevorzugt, den Himmel, und nachgerade umgekehrt; die sogenannten Satanisten sind also gottesfürchtiger als sie selber vermuten.
Fremdgehen als Selbstverletzung
Wer öfters fremdgeht, wenngleich die Beziehung harmonisiert, will nicht den Partner «bestrafen», sondern eher sich selber, wofür ist unbedeutend, die Liebe nämlich ist durchsetzt voller ambivalenten Gefühlen, dort vermischen Liebe und Hass sich in ein Chaos, das sowohl zu unterdrücken wie zu ordnen immense Energien verschlingt. Insbesondere junge Menschen, die ohnehin erkrankten, deren Stimmung stündlich schwankt und selten sich einzupendeln vermag, projizieren den Hass und die Abscheu gegenüber wahlweise der Aussenwelt, Mitmenschen oder Objekten aufs sich selbst, aus mehreren Gründen wohl, der eine ist der grundsätzlicher Bequemlichkeit, denn wenn der Schuldige sofort enttarnt ist, entfällt die mühsame Suche nach einem solchen. Der Selbsthass statt den Welthass ist folglich einerseits ein Produkt eitler Bequemlichkeit, anderseits die Folge mangelnder Kenntnis, wer denn tatsächlich «schuldig» sei.
Der heutige Michel
Der Michel ist eine momentan beliebte Gegenwartsbewältigungsform, um in geistig öder Peripherie zu siechen, zurückgezogen von Welt, entfesselt von Verantwortung, wacht der Michel bloss, dass er nichts beachten muss. Ausschliesslich ein zyklisch wiederkehrender Konsumrausch, von Sinn und Inhalt entseelt, verschafft dem Michel die Illusion, er lebe und er hätte noch etwas zu richten, ansonsten fühlt er überaus sich selig und gesund, wenngleich er erkrankt, das leidige Gesamtprodukt des westlichen Abends ist, woher Mattigkeit, Ermüdung und Erschöpfung stammt. Solche «letzte Menschen» repräsentieren das Ende unwürdig, weder stramm noch selbstlos wehren sie sich, sie schlafwandeln stattdessen nur so, als ob sie aufrichtig marschieren würden.
Mangelnde Ehrfurcht vor der Natur
Ach, manche Nachrichten empören mich, Nachrichten sind zurechtgelegte Informationen, die ohne Veredelung eigentlich wertlos wären, blosse Waren, viel lieber hätte ich rohe Informationen, rohe, ungefilterte und unverarbeitete. Doch jetzt genug, folgende Nachricht, dass Eisbären verhungern und sogleich Touristen die in Städten nach Nahrung streuenden Eisbären fotografieren, entsetzte mich. Falls tatsächlich jemals der Untergang unsren Sadismus, den Untergang anderer Kulturen und der eigenen als lustvoll zu empfinden, stimuliere, so werde ich der erste sein, der freiwillig hindämmert; ich will nämlich keiner Welt angehören, die selbst der Untergang vermarktet, ohne hierbei Demut und Ehrfurcht zu zeigen.
Quelle: DIE WELT: «Eisbären suchen verzweifelt nach Nahrung»