Oje, beinahe ist mir der alljährliche Kommentar zum WEF entschwunden, ja bloss beinahe, mittlerweile bin ich wieder gefestigt, einigermassen zumindest, kann noch lachen und weinen, so will ich endlich mich dazu äussern, was im fernen, gefühlt fernen Davos geschah.
Nun, die Mächtigen, die sogenannten «Entscheidungsmacher» der Welt plauderten, vergnügt und ausgeruht freilich, übers Klima der Welt; Weltpolitik, Weltwirtschaft, Weltsicherheit, allerlei Themen gewiss, die meine Aufmerksamkeit erhaschen.
Gemunkelt wird, hier im Volk, im einfachen und von schlichteren Sorgen geplagten Volk, die Mächtigen, die vereinigte Obrigkeit solle Geschäfte aushandeln, ganz geheimniskrämerisch, so zumindest unsere Hoffnung, dass dieses normalerweise leerlaufende Spektakel ebendoch noch einen Nutzen erwirtschafte.
Ob diese und andere Hoffnungen nachträglich bestätigt sich wissen, ist naturgemäss ungeklärt, wird wahrscheinlich auch niemals ins Öffentliche durchsickern; wir können bloss hoffen. Ich hoffe seit längerem beispielsweise, dass die Weltelite sich verbrüdert, tugendhaft gruppiert, ja um gemeinsam diesen Planeten zu regieren, zu administrieren.
Einmal mehr jährt die Befreiung des wohl berühmtesten Konzentrationslagers namens Auschwitz, und jetzt, als das hinlänglich Unterdrückte, kokett Relativierte und unsäglich Leidige: der tiefste Abgrund aller menschlichen Tragik allmählich verschwindet, ist man natürlich, ob im Privatem wie im Öffentlichem, zu blagieren versucht, ja man hätte dazumal sicherlich Juden gerettet, aufsässige Bücher und Ideen geschmuggelt und die Widerstandsbewegung unterstützt. Ja sicherlich, ich wette, die meisten hätten sich mit dem System irgendwie arrangieren, das ernährte und einigermassen Sinn vermittelte. Ja sie hätten sich genauso arrangiert, wie wir die heutige Schreckensherrschaft akzeptieren, weil freilich Alternativen, Perspektiven und Hoffnungen mangeln.
So, ich muss mich wieder einmal zurückziehen, diese ins Düstere verschlagene Stimmung ist kaum mehr zu bewältigen; allerorten Untergang, Zerfall und Zusammenbruch, wer so leben will, muss entweder erkalten oder ohne Liebe erstarren, ohne grundsätzliche Liebe zur Menschheit. Mir sind solche Perspektiven wohl verleidet, das unheimlich Düster-Pessimistische, intellektuell rationalisierter als radikaler Konservatismus, ist nicht gerade lebensfreundlich. Wer also so leben will, muss entweder ein wuchtig-markantes Werk verfassen, das den Zeitgeist erschüttert, oder sich umbringen, den allgemeinen Untergang als den eigenen schlussfolgern. Ja diese Optionen, man weiss mich zu verstehen, sind nicht sonderlich erstrebenswert. Vielleicht erwache ich demnächst wieder voller Energie, optimistisch und zuversichtlich, oder ich radikalisiere mich.
George Soros kommentiert in der FTD, die gegenwärtige Krise sei vielmehr als eine gewohnt-zyklische, die regelmässig die Volksseele erzürnt. Sie beende stattdessen den seit sechzig Jahren andauernden Superboom des Westens, hauptsächlich der USA, womit das Kapital verschiebt, die politische Macht aber nicht den neuen Herrschaftsverhältnissen angepasst ist. Dies, so Soros, könne politische Beziehungen anspannen und, so meine Hoffnung, dramatisieren.
Zum Feierabend:
«Der Steinkoloss ‹Weltstadt› steht am Ende des Lebenslaufes einer jeden grossen Kultur. Der vom Lande seelisch gestaltete Kulturmensch wird von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen, besessen, zu ihrem Geschöpf, ihrem ausführenden Organ, endlich zu ihrem Opfer gemacht. Diese steinerne Masse ist die absolute Stadt. Ihr Bild, wie es sich mit seiner grossartigen Schönheit in die Lichtwelt des menschlichen Auges zeichnet, enthält die ganze erhabene Todessymbolik des endgültig ‹Gewordenen›. Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist im Verlauf einer tausendjährigen Stilgeschichte endlich zum entseelten Material dieser dämonischen Steinwüste geworden.»
So! Und ich bin des heutigen Abends versucht, in wohl einer ebendiesen «Stadt» zu lümmeln.
Als bekennender Apokalyptiker heisse ich die Panik, der derzeit grassiert und vermöge des unabweislichen Herdentriebs die Anleger weltweit verunsichert, selbstverständlich gut. Nicht, weil ich dem Westen ewigen und seligen Wohlstand missgönnte, sondern, weil ich bloss friste und abwarte, bis das gesamte System zusammenbricht. Leider interveniert der böse Staat, auch wenn nur oberflächlich und kurzfristig; pumpt Milliarden ins grundsätzlich falsche System, wohl, um somit den Untergang zu verzögern. Einmal mehr beweist der Staat, dass er das frohe Spiel etlicher Selbstzerstörungskräften des Marktes verdirbt. Weniger Staat und mehr Markt! posaune ich nun.
So ist nun also die Schweiz betitelt als besorgniserregender Präzedenzfall, wo Fremdenfeindlichkeit besonders wuchert, wo Lichtgestalten und Hofnarren das politische, ehedem stolze und vorbildliche Selbstverständnis verseuchen. Ja des Schweizerlandes Reputation, jahrelang Musterschüler und Exporteur der «wahren direkten Demokratie», scheint zusehends verunglimpft wegen vereinzelten Stänker, die von einem diffusen «Auftrag» im pluralis majestatis schwafeln. Da lobe ich mir die gesundgeschrumpfte lokale Wirtschaft, welche zurückhaltend schweigt und wohl heimlich den Blocher, ein Abtrünniger der ihnen, verwünscht.
In Echtzeit geplaudert, durfte ich tendenziell immer mehr feststellen, dass die hiesige, also lokale Jugend von der Idee sich verabschiede, die Kunst vermöge die Welt zu bessern. Solche Erkenntnisse sind natürlich zu vertiefen, so bin ich ungemein erfreut, dass die Berufswahl meiner Bekannten mehrheitlich ins Realistisch-Fassbare neigt. Statt Malerei Kriegskunst, statt Tagesschriftstellerei Medizin sind folglich die neuen, ehedem alten Berufspläne. Bloss ich, idealisiert als Kapitän eines sinkenden Kahns, harre in Stellung und säusle meine Weheklagen, bis ich mitsamt der unsren Kunst untergehe und somit vollende.
Alljährlich pilgern die Kulturgläubigern der meinen Region ins benachbarte Basel, wo sie die Tilgungen oder Milderungen aller Hypotheken hoffen. Unweigerlich bin ich zu entscheiden genötigt, ob ich derlei Wallfahrten teilzunehmen gedenke. Bislang war ich trotz etwaigen Widerreden ins eben äusserst nahe Basel zu trotten bemüssigt, tatsächlich gereist bin ich jedoch noch nie; nicht, weil mir die Zeit verknappt schien, sondern, weil mir dergestalt Spektakel schlecht steht.
Einer bildungsfernen Unterschicht entstammt, hadere ich mit der weltstädtischen Kunstschickeria; bin fernerhin leider unfähig und nicht gewillt, solchen Veranstaltungen meine Aufmerksamkeit zu vergeuden. Wieso, ist man provoziert zu fragen, weil dort, wo die Kunst bloss das Metaironische theoretisiert, ich keinerlei gesellschaftlichen Diskurs erwarte. Kunst und Kultur scharte des gestrigen Abends sich hauptsächlich um Blocher; dessen Albisguetlirede einerseits und Arena-Auftritt anderseits mir kultivierter, da ernster und gesinnter dünkte.
So verschied ich den Abend im Beisammensein mit einem befreundeten Ehepaar, statt, wiewohl erwartet, in Basel zu lümmeln und die soziale Dekadenz zu feiern. Ohnehin missfallen mir die unzähligen, mit Schälen und Ketten verzierten Weiber, die allesamt kulturgläubig wie stramm das Museal-Widerliche besingen. Wenigstens, soviel Trost ist mir gut, beruht diese Abneigung auf Gegensätzlichkeit.
Ein teuflischer Pakt, den die SVP gaukelt vom Volk erhalten zu haben! Bloss hatte ich diesen nie unterschreiben. Ich erinnere mich zwar, dass während den ungemütlichen Wahlen die SVP einen «Bundesbrief» nachahmte als Inserat und worin sie deutlich schwor, den Volkswillen bedingungslos zu verwirklichen. Momentan ist mir aber kaum geläufig, ob ein solcher Pakt rechtsgültig allein durchs Betrachten sei. Überhaupt scheinen mir dergestalt Schlussfolgerungen ziemlich suspekt. Ja falls die SVP tatsächlich das Volk repräsentiere und dieses nicht verschaukele, so will ich fortan nicht mehr demselben zugehören.