Freitagskolumne (9)

Zwischenzeit: «Das Elend der Sexualität»

Achtung, Achtung: Der Text ironisiert, verherrlicht eine Entwicklung, die ich eigentlich bedauere.

Momentanes Thema: Die Unschuld

Die Gedanken, die ich momentan sammeln, betreffen allein die menschliche Unschuld, und zwar nicht bloss im sexuellen, sondern im überaus allgemeinen Sinne; jene Unschuld, die seit Auschwitz unwiderruflich erlosch, wobei aber nicht durch eine neuerliche Reife und Bewusstseinswerdung ersetzten worden war, sondern als simulierte «Unschuld» institutionalisiert worden mir scheint, derzufolge nunmehr der radikale Infantilismus triumphiere. So oder so, ich sammle nur, reichlich Literatur hierüber muss zunächst sortiert werden.

Die Liebe zur Arbeit

Des Freitags erblühen die Mädchen; sodann endlich sie «Wochenende» schnattern dürfen. Sie scheinen gelöst, gelockert, weil des Arbeitszwanges entledigt. Doch eine Arbeit, die nicht Pflicht, sondern Zwang ist, scheint sowieso eine missratene. Einmal mehr ist die Lohnabhängigkeit hierfür zu beanstanden, welche allein Arbeit erzwingt, aber nicht die Liebe und die Pflicht zur derselben. Diesen Irrtum zu korrigieren, dass Arbeit fürderhin eine freie Tat sei, dürfte man als die grosse Herausforderung einer kommenden Generation würdigen.

Amoklauf der Nationalsozialisten

Vom Todestrieb beherrschten Menschen kann man allerorten begegnen; sie tarnen sich denn vielfältig, zumal sie den Anschein wahren, sie seien gesittete Steuerzahler. Das Böse ist uns verinnerlicht, auch wenn wir es öfters notdürftig sublimieren, beispielsweise als Kunst veredeln. Vollendet worden war der Todestrieb in Auschwitz, hierin konzentrierten sich die Kräfte, deren unbewusste Aufgabe war, den Planeten vom irren Menschengeschlecht zu säubern. So sehr einen auch verwundert, dass offiziell die Nationalsozialisten «bloss» angeblich minderwertige Rassen vernichten wollten, so sollte uns eigentlich vielmehr gewahr sein, dass das nationalsozialistische Abenteuer einen regelrechten Amoklauf war, den zu stoppen die totale Mobilisation und Veräusserlichung der westlichen Demokratie bedingte.

Die Mädchen am und im Sälipark

Manchmal speise ich des Mittags im Sälipark Oltens, falls ich nebenbei noch Einkäufe erledigen muss oder müsste. Sodann begutachte ich die Mädchen, die seit jeher diesen Ort des Mittags schmücken; besonders des Sommers, als nun endlich die Mädchen sich entblössen dürfen, ist ihnen doch gewiss, hiermit die Aufmerksamkeit aller einigermassen männlich Gesinnten erhaschen zu können.

Ja, die Mädchen sind hübsch; sie gefallen mir allesamt, ob dicke oder dünne, privatwirtschaftlich oder staatlich festangestellte, ob erträglich intelligente oder unerträglich infantilisierte, ob alte oder junge, ich könnte und würde sie allesamt lieben. Doch ich bin verbittert, nicht wegen den Mädchen, die stören mich ja nicht, die zieren bloss die Simulation, sondern im Allgemeinen und Grundsätzlichen verbittert-resigniert.

Deswegen kann ich mich auch nicht recht freuen, schlafwandeln sodann bewusstlos durch die Masse hübscher Mädchen, würdige keine eines Blickes. Denn diese Mädchen sind verludert, sind hoffnungslos verloren, sind bloss «Girls», weder Mutter noch Frau. Und auch keine ist heiratsfähig, viel zu verspielt, viel zu heiter, alsdass man sie ehelichen könnte einer ernsten und ehrbaren Sache gemäss und würdig.

Untröstlich. Soviel zum Privatem.

Deutschland ermüdet

Die NZZ ächzt, der deutsche Bürger sei keiner Leistung mehr fähig. Nun sollten wir eigentlich allesamt alarmiert sein. Ich aber nicht, ich bin vielmehr erleichtert, denn erstmals bekennt eine Nation, dass sie der totalen Leistung verdrossen ist. So sehe ich endlich die allgemeine Ermüdung die Tüchtigen und Fleissigen erschlaffen. Ein Grund, des heutigen Abends wieder einmal dekadent zu feiern.

Anonym durch die Stadt

Ich bin erleichtert, dass man mich nicht kennt, dass ich tatsächlich noch anonymisiert durch die Städte schlafwandeln darf, gleichgültig ob Bern, Luzern, Basel oder halt Zürich; ich bin nirgends daheim. Und auch niemand erkühnt sich, mich öffentlich anzusprechen. O wie diese Art und Weise direkter Kommunikation verabscheue. Bloss manchmal werde ich belästigt, sodann erheitert, dass man mich noch erhört und nicht, wie ich immerzu rate, ignoriert.

Ausserirdisches Leben? – Und die Folgen?

Gesetzt, man fände Leben, irgendwo, gleichgültig ob einfaches oder komplexes, wäre sodann die Kränkung tatsächlich, woran der Mensch bislang nagte? Ebendass er bloss ein einzelner, ja unbedeutender Organismus im kosmischen Vergleich ist? Vermutlich ja, alsdann wäre das Urteil unwiderruflich, dass wir nichtig seien. Ob wir deswegen uns ändern werden? Kaum, wir bleiben dieselben eitlen Zeitgenossen.

Neurose als Freizeitnebenwirkung

Liebevoll, gar väterlich, züchte ich Neurosen; ein Hobby, das den Feierabend füllt. Neurosen bilden eine Persönlichkeit, gewahr der Illusion, man sie speziell, ohne hierfür Ecken und Kanten abrunden zu müssen. Diese Eigenheit ist nicht allein die meinige, sie ist vielfach und allerorten zu begegnen; sie ist geradezu exemplarisch für eine Schicht, die zuviel Freizeit hat; des Feierabends deswegen kaum noch weiss, wie man die überschüssige Zeit sinnvoll verwerten solle. Helfe bloss mehr und immer mehr Arbeit?

Kreuzungen

Nein, ich bin nicht entsetzt, dass Menschen Kreaturen kreuzen, ist doch die Natur dieselbe Kreuzung, sondern ich bin vielmehr empört, dass man sich empört; dass man das Paradigma totaler Naturbeherrschung leugnet, gerade jetzt, als der Mensch die biologische Kränkung lindern könne, dass also der Mensch bloss ein beliebiges Wesen sei.

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