Die Alternative Bank Olten lädt ein: in irgendeinem Café Solothurns, dessen Zeitvertreib die Welt zu verbessern ist, solle man diskutieren erstmals, ob entweder Haben oder Sein existenziell sei; Erich Fromm zeitgeistiger denn je. Ich reserviere mir sicherheitshalber den 6. September hierfür, man weiss ja nie, wann man in Olten sich gerade langweile oder «Kultur» und «Gesinnung» in Solothurn schnuppern möchte. Meine Entscheidung erleichtert, dass die ABS Getränke, Mittagsessen und Apéro sponsert; ich bin ja immerzu suchend und fahndend nach kostenloser Nahrung. Doch ärgerlich ist, dass man das Glück anvisiert, dass man also voraussetzt, Glück sei etwas Elementares; grässlich und arrogant.
World Café «Geld oder Leben?» in Solothurn, 6. September 2009
Gretchenfrage? Bitte nicht!
Auch mir stellt sich die berühmte Gretchenfrage öfters; doch gleich wie Faust, dessen Pakt ich jederzeit unterschreiben würde und auch wollte, hindere mich nicht das verwaltete «Leben», meide ich jedwede Antwort, die mich verraten könnte. So schweige ich bloss, falls Gläubige über das Religiöse plaudern. Aber ich interveniere, falls radikale Atheisten das Religiöse schänden.
Neu-alte Machtverhältnisse
So, wie Freud 1914 jubelte, seine Libido gehöre nun ganz Österreich-Ungarn, ein Lapsus, den sich damals einige erlaubten, würde heute wohl niemand mehr sich eines Nationalstaates hörig erweisen, dessen Kreditwürdigkeit nicht verscherbelt werden solle; vielmehr fordert denn die Wirtschaft solcherart Hörigkeit. Ein Unternehmen gewisser Grösse, dessen Kapitalisierung diejenige gescheiterter Staaten abermals übertrifft, bedingt unablässig Gehorsamkeit und Einheitlichkeit. Wer trotzt, widerspricht und aufbegehrt, muss ausscheiden und verelenden daraufhin in Armut.
Die freie Sexualität ist die totalitäre
Wer die Sexualität kontrolliert, kontrolliert auch den Menschen. Daher glaubt man, ist die Sexualität «emanzipiert», dies im Sinne beliebiger Sozialdemokraten, wäre auch der Mensch «befreit». Doch man irrt. Gerade die vermeintlich «freie» Sexualität ist die totalitäre. Falls Sexualität bloss reduziert wird als Akt puren Vergnügens, ist sie vollkommen ein «Spiel», womit man Menschen rascher und gezielter zerstreut. Doch letztlich ist auch dieser Fortschritt zu bejahen; anders nämlich könnte man die totale Arbeitsdiktatur nicht garantieren.
Einmal mehr: keine Mündigkeit
Aufklärung bedingt den mündigen Bürger, denselben bedingt auch Demokratie, jene Staatsform reger Partizipation, worunter allein freie Männer dienen können. Doch Mündigkeit scheint heutzutage zusehends verschachert Interessen, die bloss nützlich, ergo wirtschaftlich sind. Staaten, wo Marktwirtschaft verhältnismässig frei, beweisen, dass Demokratie und Kapitalismus nicht voreinander abhängen, sondern auch separiert werden können und dürfen. So ist Demokratie ein Spektakel letztlich, das politische Mündigkeit inszeniert als Feier, womit die eigentliche Ohnmacht in temporäre und situative «Macht» umgepolt ist.
Tischgespräche in Zürich
Einmal mehr in Zürich. Grossstadt. Stil und Mode regieren. Menschen eilen, scheinen unfrei. Anlass war eine Diplomfeier. Ich begleitete einen Absolventen einer Schule. Das Thema: Wirtschaft und Beruf und Geld, wobei sie alle aus ein und demselben Stoff sind. Ich lauschte, interagierte bisweilen; brillierte mit Witz, Wissen und Lob. Gleichwie ich solche Gespräche verabscheue; ich musste spurten. Hier kann ich niemanden überholen, hier muss man mittrotten: im Gleichschritt, ja nicht abbiegen, ironisch oder düster werden.
Das Aus der politischen Klasse
Dass SF die Satiresendung «Classe politique» rationalisiert, ist zu bedauern, überrascht letztlich aber nicht, weil dies Programm wohl lediglich Szenenapplaus einheimsen konnte, gleichwie die alte politische Klasse ironisiert, welche aber so, wie sie jahrelang geliebt wurde, heute nicht mehr existiert. Immerhin bin ich tröstlich, dass der Staat uns noch die Satiresendung «Giacobbo/Müller» gönnt, doch noch!
Reizwort Glück
Neuerdings reagierte ich sensibel nicht nur aufs Wort «Wohlfühl», sondern auch aufs «Glück», denn sodann meine ich mich erinnert an die überzeugenden Reden Mustafa Mannesmanns mit dem jung-irren Wilden, deren Folgen waren, dass der Wilde der Zivilisation gänzlich sich entsagte, bis sie ihn wieder einkreiste und letztlich tötete.
Materieller Gewinn
Statt über die Hitze zu stöhnen, vermelde ich ausnahmsweise einen materiellen Gewinn: ich bin nun ausgerüstet; vollends, weil sowohl mit Laptop wie auch mit GA. Fortan könnt ihr mich allerorten antreffen. Ich gratuliere mir selber!
Mehr Totalität bitte!
Obschon die Ökonomie eine beispiellose Totalität erzeugt, dadurch, indem sie sich als alternativlos rechtfertigt, ist diese Totalität mangelhaft, unzureichend dort, wo trotzdem symbolischer Widerstand sich formiert.
Deswegen soll die Wirtschaft bereits Kinder konditionieren, schliesslich weilen sie bloss in Schulen, um zu funktionstüchtige Einheiten gedrillt werden. Doch diese Erziehung versagt, als plötzlich Asoziale des Konsums sich entbehren, heimlich die Grünpartei wählen und gegen den Wirtschaftsliberalismus opponieren.
Diese Versager schonungslos auszusortieren, nötigenfalls in Umerziehungslager zu bannen, ramponiere die Reputation derselben Zivilisation, wegen deren Selbsterhaltung man solche Konsumenten eigentlich bedarf. Deshalb muss man die bedingungslose Gehorsamkeit, zu konsumieren, zu schuften und das Dargebotene zu billigen, so früh als möglich unterrichten.