Es ist geradezu sinnbildlich, dass ich als Philosoph endgültig gestorben bin. Nun bin ich umgeben von Betriebserträgen, Abschreibungen, Finanzergebnissen, von Ertragssteuern, Anlagevermögen und Umlaufvermögen, von Passiven und Aktiven. Es ist unumstösslich: die Zeit hat mich überrannt. Immerhin: ich kann jetzt Samt tragen.
Tod eines Philosophen
Ausgeraucht
Nun, da in wenigen Tagen das totale Rauchverbot Ungesundheit kriminalisiert, meine ich mich einmal mehr auf verlorenem Posten harrend. So gesehen, endet eine Epoche. Mit Obama, dem neuen Führer, der, obgleich «noch» rauchend, beginnt eine gänzlich totalitäre: wir erfinden einen «neuen Menschen», dessen Bekenntnis zu Fitness, Gesundheit und Umweltschutz unverrückbar ist. Es ist der ideale Zeitpunkt, um der Tragödie der Menschheit sich zu vergewissern.
Zukunftsplan
Nachdem die Pflicht gemeistert, plane ich, das reichlich Geld, für das auszugeben ich weder Zeit noch Anlass finden werde bis dahin, zu «investieren» in einen zweimonatigen Drogenabsturz in Las Vegas, dem Ort unvergänglicher Dekadenz. Das ist der Plan.
St. Moritz
Ist eigentlich eine nette Stadt. Irgendwo zwischen Bergen gelegen, ein Eiland des Kapitals. Allein, was stört, ist der motorisierte Privatverkehr; Stau und Dreck sind die Folge. Jedenfalls ein Besuch wert. Der mondäne Schick verzaubert. Mit Würde untergehen – so würde ich das Programm einer morbiden Zivilisation heissen.
Das Ende der Narrenfreiheit
Diejenigen, die es interessiert: ich feiere das Ende der Narrenfreiheit. Fortan werde ich dienen und lernen, unaufhaltsam, bis 43, weil bis dahin ganz gewiss Doktor. Das heisst, ich werde noch weniger schreiben, eigentlich gar nichts mehr, ausser «Sinnvolles», «Produktives» oder «Konzeptionelles». Die Zeit hier war schön. Aber nun ist es an der Zeit, mich zu verabschieden. Manchmal werde ich dennoch etwas veröffentlichen, etwas Flüchtiges und Kurzes, aber ohne Periode. Bis bald.
Namensänderung
Unterschätze nie eine Namensänderung! Der Name bürgt, wofür wir leben; eine unmissverständliche Zeichensprache. Würde ich beispielsweise morgen meinen bürgerlichen Namen ändern, so könnte man vermuten, ich hätte ein Ding verbrochen, das ich nicht mehr geradebiegen kann. Falls eine Firma dasselbe beabsichtigt, wie denken wir von dieser Firma? – Ich weiss es nicht. Doch Veränderungen sind nicht aufzuhalten. Wir sind alle ohnmächtig.
Empörung wegen Rettungspakete
Gewiss, die Summen nun, die aufgewendet werden, um einen Glauben zu sichern, mögen manche empören, die den weltweiten Hunger auszurotten versucht sind. Es ist sicherlich unverständlich, dass man plötzlich sieht, mit welcher Geschwindigkeit Rettungspakete konzeptlos abgeworfen werden, wogegen andere «Probleme» weitaus zaghafter angegangen werden. Doch ich bin nicht empört. Es gibt keine Alternative. Das ist die Logik. Wir alle sind untertan.
Arbeitskräfte ja, Menschen nein
Es ist nicht gross verwunderlich, dass wir für Drecksarbeit vermeintlich minderwertigere Kreaturen engagieren. Verwunderlich ist aber bloss, dass wir diese anschliessend beschimpfen, sie würden unsere Weiber beflecken, unsere Umwelt verschmutzen und unsere Erwerbsquote verfälschen. Falls also ein Herrenvolk nicht mehr das Klo selber putzen mag und hierfür eine reizende portugiesische Dame verpflichtet, so sollen wir nachträglich auch nicht maulen, dass diese vermeintlichen Untermenschen unsere sauberen Städte besiedeln.
Lebensplanung
Die Absicht, irgendwann, demnächst oder alsbald das Requiem unsrer Zeit zu verfassen, reizt mich, doch nicht frühzeitig zu verscheiden und Gottes Urteil zu erhören, sondern hier weiterhin zu fristen. Nun verheisst aber meine momentane Lebensphase erst einmal Dekadenz; ich bin überangepasst, darin geübt und einsam. Es ist geniessbar. Hoffentlich überlebe ich diesen Trip auch, verelende und versumpfe nicht wegen Drogen und Rausch.
Vollkaskoversicherung
Versichert ist hierzulande jeder, auch ich. Aber nur minimal. Die Minimalanforderungen sind gedeckt. Doch weiter möchte ich mich nicht versichern. Dafür ist mir das Leben zu wertvoll; zu rar, alsdass ich mich lebenslänglich versichern möchte. Vielmehr möchte ich etwas riskieren, etwas wagen, nötigenfalls auch ruinieren, sofern dabei scheiternd. Wenn man der Menschheit keinen Wert bemisst, nur deren Requiem ehrt, ist man plötzlich «befreit»; man sorgt sich nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit. Man ist auch soweit, von manchen als «weltfremd» geschundene Energie befürworten zu können, die etwas riskiert, dafür auch etwas produziert.