Unlängst räsonierte ich, dass das praktische Wissen verschwände, zunehmend dem Expertentum, das, als unfehlbar geheiligt, uns bevormunde, wiche. Reto Stauss, der vorbildliche postmaterielle Blogger, will praktisches Wissen sammeln, das, obzwar sichtlich vergessen geriet, irgendwo schlummert und «nur» geweckt werden müsste, und zwar mithilfe eines Blog-Karnevals, dem ich mich gerne anschliesse.
Pragmatik war gewissermassen eine amerikanische Erfindung, eine, die dem Lebensgefühl der damaligen Pioniere entsprach und fortan das Leben aller Siedler bestimmte. Pragmatisch heisst sachlich und praktisch, dem praktischen Leben also zugewandt, zugleich fernab alteuropäischer Theorien und Spekulationen. Man stellte sich jeweils den Anforderungen des Tages, der Tag will überlebt werden, das In-den-Tag-Leben gewann somit erstmals seit der Reformation positive Bedeutung, verlor den abschätzigen Grundgedanken, dass nur dies Leben, das verplant, organisiert und strukturiert vonstatten ging, lebenswert sei.
Ich will die Pragmatik keinesfalls ausschliesslich verherrlichen, denn wer zeitlos, da pragmatisch wie praktisch lebt, lebt geschichtslos, lebt sozusagen als Bauer, als ewiger Bauer, der dem Weltgeist keinerlei Interesse oder Respekt zollt. Der Bauer, andersherum: der Pragmatiker ist vielmehr Statist als Akteur der Weltbühne, er ist der Nachzügler, die Nachhut des Schicksals, des globalen Schicksals, jedoch weiss er sein eigenes, äusserst persönliches Schicksal zu formen, nämlich infolge der sachlichen Praxis, die sich jederzeit bewährt, nähert er sich am Ideal eines autarken, unabhängigen und freiheitlichen Menschen, den die Sorgen und Nöten den Welt nicht bekümmern: er lebt also abgeschieden, bisweilen isoliert, dies ist der Preis der Pragmatik.
Womit ich möglicherweise helfen kann, ist die Lehre «Probieren geht über Studieren». Ja, «trial and error» sozusagen. Teste, verbessere, korrigiere, das Leben als ewige Beta-Version, die niemals vollendet ist wie wird, stets interessiert neue Techniken adaptiert, beständig lernt und niemals aufgibt oder sich verausgabt. Überwinde die Faulheit, sei tätig, probiere, tüftle, experimentiere, scheitere mit Erfolg. Und so weiter. Solche Slogans werben für mehr Eigenständigkeit, für mehr Selbstvertrauen oder – ums politischer zu verdeutlichen – für mehr Eigeninitiative. Denn wer nur den Rat Anderer befolgt, wird abhängig, wird sozusagen nutzlos, ersetzbar. Riskiere und wage, überstürze und sei überschwänglich, aber erde dich gegebenenfalls, besinne und reflektiere, weshalb du eventuell gescheitert bist. Lerne aus Fehlern, vermeide sie zukünftig.
Dies war mein Beitrag, poetisch ein bisschen, meinetwegen, ich will die Menschen animieren, Amateure und Laien ermutigen selbständig zu denken, wenngleich primitiv und stümperhaft, so sollen sie «es» doch endlich probieren, nur der eigenen Erfahrung wegen, die dadurch wachsen könnte.
Eine Schande, dass ich den schönen Beitrag mit einem profanen Kommentar verunziere, aber so sind wir Pragmatiker halt. Zuerst mal ein dankendes Nicken für das “vorbildlich”, aber das kann ich höchstens gelten lassen, für den Weg, den ich eingeschlagen habe, auf dem ich mich erst am Anfang befinde und welcher mich schlussendlich zu einem wirklich vorbildlichen Leben führen könnte. Wenn das auch nicht meine Motivation ist. Vorbild sein, meine ich. Aber natürlich steuert man das nicht selber, sondern wird ja als Vorbild ausgewählt. Mehr oder weniger freiwillig im Falle meiner Kinder. Und “postmateriell” gefällt mir.
[...] “Probieren geht über Studieren” vom Dissident: eine peotische Betrachtung der pragmatischen Lebensart. [...]